AGGRESSIVITÄT – und/oder die verdrängte Schuld

Scheinbare Gelassenheit und beängstigende Gewaltbereitschaft

Im Jahr 2006 sind 120.000 Schwangerschaftsabbrüche gemeldet worden. Die bewußt lückenhafte Meldepflicht legt es nahe, diese Zahl eher zu verdoppeln: Rd. 200000 Kinder – vergleichbar der Einwohnerzahl einer normalen Großstadt – sind in einem Jahr abgetrieben/getötet worden. Trotz aller veröffentlichten Sorgen um die negative demographische Entwicklung waren die medialen Reaktionen auf diese Tatsache sehr „zurückhaltend”, um nicht zu sagen „abwiegelnd”.

Warum geht unsere Gesellschaft so offensichtlich sorglos mit ihrer eigenen Zukunft um? Warum nimmt sie sogar die unvorstellbare Gewalt gegen ihre wehrlosesten Mitglieder – die Kinder im Mutterleib – so scheinbar ungerührt hin, ohne wirklich ernstzunehmende Gegenwehr? Wo bleibt der zu erwartende öffentlichen Aufschrei angesichts der pro Jahr getöteten etwa 200000 Kinder? Man ist eher versucht, von einem – durch die PC geschützten – „Kartells des Schweigens” zu sprechen. Wie lange und mit welchen Folgen läßt sich die Wahrheit verdrängen – insbesondere, weil und solange jedes Jahr noch neue „Schuldige” hinzukommen? Irgendwann muß diese Zeitbombe platzen. Gibt es erste Warnzeichen, wenn auch zunächst negativer Art?

Immer wieder werden wir – die Schulen, die Vorstädte sind insoweit Brennpunkte – mit einer uns erschreckenden, plötzlich auftretenden Aggressivität konfrontiert. Die Schuld für gesellschaftliche Mißstände, für das eigene Unglück bei der Gesellschaft oder zumindest bei Anderen zu suchen, ist leider weit verbreitet. Der Weg zur angestrebten gewalttätigen Veränderung ist dann nicht mehr weit.

Woher kommt diese „sprungbereite Aggressivität” (J. Ratzinger)? Der moderne, freiheitsliebende Mensch versucht ohne ihm von außen aufgegebene Regeln auszukommen; er macht sich gern selbst zum Maß. Dabei muß er aber – bewußt oder zumeist unbewußt – die Wahrheit über sich selbst, zu allererst die eigene Geschöpflichkeit bzw. Begrenztheit, verdrängen. Die negativen (Langzeit-)Folgen sind aus der Psychologie bekannt. Wie viel Zeit haben wir noch?

Ich wünschte mir, daß die Kirchen in diesem Zusammenhang ihrem Auftrag wieder mehr und deutlicher nachkommen, nämlich die Wahrheit über die Folgen der „verdrängten Sünde”, über den engen Zusammenhang zwischen Schuld und Erlösung, zu verkünden – zu unser aller Wohl. Damit kein Mißverständnis aufkommt: Das Gefühl der Schuld ist nicht nur in dem persönlichen Bereich, sondern zunehmend auch auf weiten Feldern der Wirtschaft und Gesellschaft verloren gegangen.

April 2007

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