PESSIMISMUS – OPTIMISMUS

Die Abtreibungsdebatte in Deutschland

Und: Die Wirkung des „nuisance factors“

„Ich bin für den Pessimismus der Intelligenz und den Optimismus der Tat“ so lautete das Motto von Antonio Gramsci (zitiert von Wolf Bierman in RM 19/05). Auch wenn man mit dem Schlimmsten rechnet, sollte man das Beste anstreben – und sein Handeln entsprechend einrichten.

Jedes Jahr werden bei uns – in einem der reichsten Länder der Erde – etwa 200.000 unschuldige, wehrlose Kinder abgetrieben, getötet; die offizielle Statistik gibt nur einen Teil der erschreckenden Wirklichkeit wieder. Wer öffentlich auf diese irritierende Tatsache hinweist, riskiert den strengen Tadel eines bestimmten Teils der Öffentlichkeit. Auf Beifall kann er keinesfalls hoffen – und ganz sicher auch nicht auf ein energisches Gegensteuern. Eine erfreuliches Gegenbeispiel haben kürzlich die Baptisten gegeben, als sie im Vorfeld ihrer Bundeskonferenz Anfang Mai d.Js. öffentlich die Reform der Abtreibungsgesetzgebung angemahnt haben.

In diesem Jahr besteht das geltende Abtreibungsrecht zehn Jahre. Die große Mehrheit unserer Bevölkerung versteht nicht die „feine“ Unterscheidung zwischen „zwar „rechtswidrig, aber nicht strafbar“; sie geht inzwischen von der Rechtmäßigkeit der staatlich mitfinanzierten Abtreibung aus. Wahrscheinlich würde sie der werdenden Mutter sogar ein „Recht auf Abtreibung“ – als Ausfluß ihres Selbstbestimmungsrechts – zusprechen. Welches Recht hat das Kind? Wer spricht für das Kind? Welches Recht hat der Vater? Können wir uns angesichts dieser Ausgangslage über weiter sinkende Geburtenzahlen wundern?

Auch wenn die „politische Großwetterlage“ – unterstützt von mangelndem Mut der Zweifler und dem „schlechten Gewissen“ der Beteiligten – eine grundsätzliche Änderung des Abtreibungsregelung im Moment und kurzfristig nicht erwarten läßt, sollten wir dennoch nicht aufgeben. Wir müssen dranbleiben. Die sinkenden Abtreibungszahlen in den USA lassen uns hoffen. Der Umschwung läßt sich u.a. darauf zurückführen, daß sich auch die katholischen Bischöfe sichtbar und öffentlich für das Leben eingesetzt haben: „Die Heiligkeit des menschlichen Lebens ist nicht nur eine katholische Doktrin, sondern Teil des globalen Erbes der Menschheit und Gründungsprinzip unserer Nation“ (Hirtenwort „Das Evangelium des Lebens leben“). Ein vergleichbares Engagement der deutschen Bischöfe wäre wünschenswert. Leider scheint die DBK in dieser Frage wie gelähmt.

Auch wenn wir eine Minderheit sind – ein kluges, überzeugendes und beharrlich vorgetragenes Konzept wird auf Dauer seine Wirkung nicht verfehlen. „Nuisance factor“ mögen einige das nennen.

Vielleicht sollte man das o.a. Motto christlich wie folgt ergänzen:

„Wenn Du mit dem Schlimmsten rechnest,

handle so, als ob der Erfolg nur von Deinem Einsatz abhängt,

und bete so, als ob alles auf Gott ankommt“.

Mai 2005

1 Kommentar zu PESSIMISMUS – OPTIMISMUS

  • Joh. Beckermann

    Die Pille danach – die Stellungnahme von Kardinal Meisner lässt hoffen

    Frauen, die Opfer einer Vergewaltigung geworden sind, bedürfen schnellstmöglichst der solidarischen, umfassenden Hilfe. Dass der Gedanke, aus dieser gewaltsamen Verbindung könne ein Kind entstehen, für diese Frauen zutiefst erschreckend ist, ist nur zu verständlich. Mit seiner differenzierenden Auffassung zu der selektiven Akzeptanz der „Pille danach“ zeigt der Kardinal einen auch mit katholischen Moralvorstellungen zu vereinbarenden Weg auf.

    Dafür sollte man ihm dankbar sein. So kann die Kirche den Menschen in ihrer Not tatkräftig beistehen. Dieses Zeichen der barmherzigen, den Menschen zugewandten Theologie kann helfen, zumindest einen Teil der – insbesondere durch die frühere Behandlung der Missbrauchsfälle – verloren gegangenen Glaubwürdigkeit zurück zu gewinnen.

    J. Beckermann
    Februar 2013

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