Leben mit Behinderung (1)

„Versuchen Sie, einmal keine Rolle zu spielen“

Oder: Was wir von Behinderten lernen können

Die Predigt des Kaplans vor den Ferien endete mit dem überraschenden, zunächst auch etwas verwirrenden Wunsch: “Versuchen Sie doch einmal, in den kommenden Wochen keine Rolle zu spielen“. Was wollte er uns sagen? Daß wir alle und (fast) überall (nur) eine Rolle spielen? Egal, wer und wo wir sind. Sind wir (fast) nie wir selbst? Wer bestimmt unsere Rolle, in der Familie, der Gesellschaft? Hoffentlich doch wir selber.

Und: Was passiert, wenn wir „keine Rolle spielen“, keine Rolle mehr spielen können, z.B. aufgrund einer Krankheit? Wenn wir nicht wichtig sind, für niemanden, nicht einmal für uns selbst? Das wäre doch traurig.

In diesem Zusammenhang muß ich an einen Besuch in einem bekannten Heim für geistig behinderte Menschen denken. Das Zusammensein, auch die hl. Messe mit dem Bischof war so unverkrampft, so unverstellt, so natürlich. Die Bewohner haben den Bischof angesprochen, angefaßt, umarmt – ohne alle Scheu. Für sie war diese Verhaltensweise ganz normal.

Kurz zuvor konnte ich an einer Andacht mit dem Bischof im Dom teilnehmen; da ich als Lektor eingesetzt war, habe ich mir zuvor überlegt: Was ziehst Du an, wie sprichst Du den Bischof an, ist das überhaupt angebracht? Wie wird er reagieren?

Die Behinderten sind da viel umkomplizierter. Sie können uns lehren, wie man sich – auch gegenüber „Hochwürdigsten Herren“ – natürlich gibt, wie man sich selber treu bleibt.

Es ist leicht, behinderte Sportler wegen ihrer Ausdauer, ihres Mutes angesichts der zusätzlichen Handicaps zu bewundern. Die „Berufung“ ganz normal behinderter Menschen sehe ich aber schon darin, daß sie uns mit ihrer ungekünstelten Lebensfreude ein (überlebens-)wichtiges Beispiel geben. Lassen wir uns anstecken.

Also bitte nicht vergessen: Versuchen wir, keine Rolle zu spielen.

August 2009

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