Leben mit Behinderungen (3)

Vom richtigen Umgang mit ungewohnter Verschiedenheit
Oder: Die Schule als idealer Ort der Einübung, nicht als „Schonraumfalle“

Bei der Vorbereitung der neuen Videointerviewreihe „Leben mit Behinderungen“ ist mir als Laie auf diesem komplexen Spezialgebiet positiv aufgefallen, wie radikal sich die Perspektiven verändert haben mit erheblichen praktischen Konsequenzen für den Alltag behinderter Menschen – bei uns insgesamt etwa 7 Millionen. Im Sinne der erwünschten flexibleren, persönlicheren Betreuung der körperlich und geistig Behinderten darf man von einem Paradigmenwechsel sprechen.

Zwei Stichworte sollen beispielhaft die Veränderungen verdeutlichen: “Ambulantisierung“ und “Inklusion” (als Gegensatz zur möglichen „Schonraumfalle“).

Auch mangels besserer Erkenntnis war man früher leicht geneigt, Behinderte in für sie vorgesehene Anstalten* zu verbringen, wo sie – bei strenger Unterwerfung unter die dort herrschenden allgemeinen Regeln – stationär betreut wurden. Heute gilt (zumindest theoretisch) der umgekehrte Ansatz: Welche Maßnahmen an welchen Orten helfen am besten für die richtig verstandene Entwicklung dieser Menschen? Ein deutlicher Fingerzeig geht in Richtung „Ambulantisierung“, d.h. zum Leben in den eigenen vier Wänden, ambulant mit der Chance zu mehr Flexibilität, Individualität, Selbstbestimmung und Wahlmöglichkeiten. Mit dieser Lösung ist eine gestiegene Eigenverantwortung der so Betreuten und das Erfordernis für alle Beteiligten zu erheblich ausgeweiteten Integrationsanstrengungen verbunden. „Unterstütztes Wohnen“ ist das Ziel.

Wenn leistungsbehinderte, leistungsschwächere Kinder ohne Einzelfallprüfung sofort in eine Sonderschule geschickt worden sind, wurde das – gut gemeint – mit dem erforderlichen Schutzraum für die Schüler begründet. Inzwischen verstehen Pädagogen und Psychologen besser, dass gerade durch den Sonderstatus leicht ein Gefühl mangelnden Selbstvertrauens entstehen bzw. verstärkt werden kann. Hinzu kommt das Erleben des Ausgeschlossenseins, der Andersartigkeit, dessen sich der Schüler vorher nicht so bewußt war. Man war zwar anders, eingeschränkt aber eben doch normal. Dieses Gefühl der Normalität trotz selbst (an-)erkannter Einschränkungen kann durch mögliche Sonderbehandlungen verloren gehen. Anstelle der erhofften Stärkung droht dann die “Schonraumfalle”. Sie gilt es zu vermeiden.

Gemäß der Behindertenrechtskonvention der UN von 2006 – bei uns geltend seit März 2009 – haben behinderte Kinder einen Rechtsanspruch darauf, in allgemeinen Schulen inklusiv**unterrichtet zu werden. Nach dem neuen hessischen Schulgesetz haben die Eltern das Wahlrecht – Förder- oder Regelschule. Allerdings gibt es einen “Ressourcenvorbehalt” zugunsten der Regelschule.

Nicht erst seit dem Bericht des „Club of Rome“ werden sich die Menschen in allen Bereichen, nicht nur beim Umweltschutz, der vorhandenen, auch angeborenen  Einschränkungen und Knappheiten bewußt. „Statt illusionärer Grenzenlosigkeit kultivierter Umgang mit Begrenztem“ (Renöckl) so müßte der recht verstandene Lösungsansatz lauten – auch und gerade im Bereich der Behinderten-Betreuung.

* Das Schicksal eines Taubblinden, der “weggesperrt” worden ist, schildert eindringlich ein Artikel in FAZ 13. 08. 2011.

**Grenzen: Das legitime Bemühen um die bessere Betreuung Behinderter kann sich für die Betroffenen kontraproduktiv auswirken. Unter dem Stichwort (Zwang zur) “Inklusion” könnten Behinderungen faktisch geleugnet, notwendige sonderpädagogische Maßnahmen nicht mehr (ausreichend) angeboten und das Augenmerk nur noch auf die Beseitigung von behindernden äußeren Umständen gelegt werden.

*** Nach seriösen Schatzungen werden pro Jahr etwa 2000 behinderte Kinder geboren, deren Mütter während der Schwangerschaft Alkohol getrunken haben (FAZ, 9/9/2015).

 

September 2015

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