Leben mit Behinderungen (5)

„Demenzfreundlichkeit“*

Nur der intellektuelle Austausch war für den berühmten Literaturprofessor und Rhetoriker Walter Jens der vorstellbare, erstrebenswerte Inhalt seines Lebens. „Wer seine Angehörigen nicht mehr kennt, ist im Sinne des Humanum kein Mensch mehr“ (zitiert nach B. Grom SJ), soll er gesagt haben. Durch ein Buch des Sohnes erfährt man jetzt Genaueres (Erschreckendes und Erstaunliches zugleich) über die fortschreitende Demenzerkrankung des Vaters. Die erste Reaktion auf diese Veröffentlichung war eine gewisse Ratlosigkeit, auch Zurückhaltung. Darf man so etwas schreiben? Muß man unbedingt dieses Schicksal in die Öffentlichkeit tragen? Welche Gründe haben den Sohn dazu bewogen? Wie hätte der Vater reagiert?

Die verständliche Unsicherheit weicht einer ruhigeren Betrachtung. Eine Folge der steigenden Lebenserwartung ist die deutliche Zunahme der Demenzerkrankungen. Früher kannte man sie eher als „dementia senilis“, als Altersschwachsinn. Heute spricht man (beschönigend) vom „dementiellem Syndrom“. Schon jetzt sind in der EU über 7 Millionen Menschen, davon mehr als 1 Million in Deutschland, von dieser tückischen Krankheit betroffen – mit der Tendenz zur Verdoppelung in den kommenden 20 Jahren.

In der Folgezeit erfährt man mehr über den „Fall Jens“: Er und Hans Küng sollen sich vor Jahren – in der Blüte ihres Lebens – versprochen haben, sich ggfs. beim Sterben zu helfen. Nach mehreren Besuchen bei dem erkrankten, aber ersichtlich lebensfrohen Freund („Bitte nicht totmachen“) schreibt Hans Küng dann aber, „daß man die Entscheidung einer höheren Instanz anvertrauen müsse“.

Das unselige Wort von dem „lebensunwerten Leben“ sollte uns warnen: Wer darf das von wem unter welchen Umständen behaupten? Walter Jens geht es erkennbar gut, er fühlt sich wohl – unter Umständen, die er früher wohl für sich als ganz unerträglich empfunden hätte. Das Luxemburger „Sterbehilfegesetz“ von 2008 sieht dagegen vor, daß Ärzte schon bei drohendem Persönlichkeitsverlust durch Demenz aktive Sterbehilfe leisten dürfen.

Die medizinische Forschung hat erstaunliche Fortschritte gemacht. Sie lehrt uns besser zu verstehen, wie es um demenzerkrankte Menschen bestellt ist. Noch 1978 steht im Herder`s Volkslexikon unter Demenz: Verblödung. Wir haben gelernt, wie wir den so Erkrankten (und uns) helfen können, in und trotz Erkrankung ein menschenwürdiges Leben zu führen.

„Für die Tugend der Demenzfreundlichkeit“ – so lautet die Forderung, nicht nur von Pater Grom.

* So lautet die Überschrift eines Artikels von P. Bernhard Grom SJ in den „Stimmen der Zeit“ 08/2009

Zum Thema “Demenz” vergl. auch das anregende Buch “Der alte König in seinem Exil” von Arno Geiger (2011).

Im Zeitalter des Internet erfährt die Bezeichnung Demenz eine ganz neue Bedeutung: “Digitale Demenz”, d.h. vergessen, was man “im Netz” finden kann, und erinnern, was nicht.

Juli 2011

Verfassen Sie einen Kommentar

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>