KLEINKINDERBETREUUNG: BETREUUNGSGELD?

 

AKTUELLER HINWEIS: Das Bundesverfassungsgericht hat am 21. Juli 2015 einstimmig das Gesetz, wonach der Bund für das Betreuungsgeld zuständig ist, (allein) aus formalen Gründen für verfassungswidrig erklärt. Zuständig sind die Länder.

Folgen: Die bisherigen Empfänger des Betreuungsgeldes (s.u.) werden diese staatliche Leistung auch weiterhin erhalten (Bestandsschutz). – Die politische Diskussion ist schon wieder voll entbrannt. Das Kindeswohl ist das oberste Ziel.

 

Einige Hinweise zu einem komplexen Problem

Die Frankfurter Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld hat das umstrittene Betreuungsgeld „als das arbeitsmarkt-politisch vollkommen falsche Mittel“ bezeichnet (FAZ, 5. 4. 2012). Mit dieser Bemerkung hat sie (dankenswert) einseitig auf ein Motiv des politischen Streits hingewiesen. Hintergrund ist die demographische Entwicklung mit dem absehbar sinkenden Angebot an Arbeitskräften. Die bessere „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“, die “marktkonforme Familie”, soll das Problem lösen helfen. Propagiert werden daher Anreize, welche die Zahl der dem Markt zugänglichen Arbeitskräfte erhöhen. Zwei gegensätzlich wirkende Beispiele: Erhöhte Kinderfreibeträge führen tendenziell zu mehr Arbeit, während steigendes Kindergeld den gegenteiligen Effekt hat. Ein weiter diskutiertes Mittel ist das garantierte Angebot zusätzlicher außerfamiliärer Betreuungsplätze.

Diese “moderne” Familienpolitik wird aus verständlichen Eigeninteressen besonders von Wirtschaftsverbänden gefordert, publizistisch unterstützt durch Anbieter aus den Bereichen Bildung und Betreuung. Und: “Wir werden diejenigen nicht an den Pranger stellen”, die sich für die Kinderbetreuung zuhause entscheiden – sagte Bundeskanzlerin A. Merkel Anfang November 2012.

Die Politik hat mit einem gesetzlich verbrieften Rechtsanspruch ab dem 1. April 2013 eine weitere Erhöhung der U3-Plätze – Betreuung von Kindern unter drei Jahren – versprochen. Fraglich ist, ob bei der einseitigen „Krippenoffensive“ nicht einige Risiken ausgeblendet werden. Dass die zu frühe und zu lange Fremdbetreuung zu erheblichen (Dauer-)Schäden bei den Kindern führen kann, legen die Ergebnisse langjähriger Studien aus den USA nahe (Dr. Rainer Böhm, “Die dunkle Seite der Kindheit”, FAZ 4. April 2012). Die Folgen des von den so betreuten Kindern empfundenen Dauerstress sind vermehrte Verhaltensauffälligkeiten und erhöhte Risiken für die körperliche und seelische Gesundheit.

Um den möglichen Gefahren vorzubeugen, ist eine Mischung verschiedener Betreuungswege als kindgerecht anzustreben: (1) Die Eltern müssen in ihrem originären Erziehungsauftrag unterstützt werden, einschließlich der gesicherten echten Wahlfreiheit; das angedachte Betreuungsgeld kann nicht mehr als ein Mosaikstein sein. (2) Das Angebot und die Qualität der Fremdbetreuung muss zur Erweiterung der Wahlmöglichkeiten erhöht werden und (3) die Fremdbetreuung bei Kleinstkindern (U2) darf nur dosiert genutzt/angeboten werden.

Ein Soziologe fasst den Wandel der Institutionen der privaten Lebensführung wie folgt zusammen (Prof. T. Allert, FAZ-Sonderbeilage 2012: “Wie wollen wir leben?”, S. 13): “Die Institutionen der frühkindlichen Erziehung werden immer schneller professionalisiert; das geht einher mit einer Lockerung der Eltern-Kind-Beziehung oder gar einer Disqualifizierung der Elternschaft”. Diese Entwicklung ist doppelt gefährlich, weil die Qualität der Eltern-Kind-Beziehung entscheidend dafür ist, wie das Kleinkind mit der Fremdbetreuung zurechtkommt. –  Frage: Wie entsteht und festigt sich das für die Lebensbewältigung notwendige Grundvertrauen?

Betreuungsplätze: Ist-Zustand am 1. März 2014:

An diesem Stichtag wurden 662.000 Kinder (+ 10,6% ggü. Vorjahr) fremdbetreut, davon 84,8% in Tageseinrichtungen. Die Betreuungsquote lag bei 32,5% ggü.  einer Wunschquote von 41,7%, d.h. mehr als die Hälfte der Eltern bevorzugt die Eigenbetreuung*. Und: Bei dem – grds. begrüsssenswerten – raschen Ausbau der Möglichkeiten zur Fremdbetreuung muss der Frage der Qualitätssicherung Priorität eingeräumt werden – gerade weil es sich um Kleinstkinder handelt.

 

Weitere Anmerkungen:

Eine Emnid-Umfrage zum Thema Fremdbetreuung (Chrismon 07/12) hatte folgendes Ergebnis: Bei wem ist ein Kleinkind im Alter zwischen einem und drei Jahren tagsüber am besten aufgehoben?

62 % Mutter; 17 % Erzieher (Krippe); 3 % Großeltern und (nur) 1% beim Vater.

 

–  Um die nicht zu unterschätzende Gefahr der Altersarmut zuhause erziehender Mütter zu mindern, muss dringend über eine angemessene Wertschätzung ihrer Erziehungsarbeit nachgedacht werden – z.B. durch den Erwerb von Rentenansprüchen..

– Zu differenzierenden Darstellungen dieser Thematik: Matthias Hugoth: “Geht es um die Kinder und ihre Familien?”, HK 10/2012, S. 497 ff., und Jörg M. Fegert, “Qualität – in jeder Beziehung”, FAZ 17/11/2012.

Ist-Zustand April 2015:

Die Zahl der Familien, welche einen Antrag auf Betreuungsgeld gestellt haben, liegt jetzt bei knapp unter 400.000; auffällig ist das erhebliche Gefälle zwischen Süd/Westen (deutliche Mehrheit) und Osten (nur wenige Anträge).

Juli 2015

3 Kommentare zu KLEINKINDERBETREUUNG: BETREUUNGSGELD?

  • Joh. Beckermann

    Je jünger die fremdbetreuten Kinder sind, umso qualitativ besser, individueller muss die Betreuung sein. Umfragen haben aber leider ergeben, dass rd. 80% der Krippen nur Mittelmaß erreichen. “Unzureichende Qualität hat irreversible Folgen” (FAS 02/09/2012).

  • Matthias Schmidt

    Gerne steuere ich den Link zu dem von Herrn Beckermann genannten FAS-Artikel bei: “Wo ist das Kind gut aufgehoben?”

  • Das Betreuungsgeld war für viele Familien eine gute Alternative. Letztendlich sollte jeder selbst entscheiden können, auf welche Möglichkeit zurückgegriffen wird.

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