Ärztliche Gewissensfreiheit

Anmerkungen zu einer Entscheidung des Europarates (Oktober 2010) über die Gewissensfreiheit von ärztlichem Personal

1. Kein Arzt (m/w) kann und will einem Patienten (m/w) im Notfall seine Hilfe versagen. Dabei geht es allerdings um das Abwenden einer akuten Gefahr für Leib und Leben. Darüber ist nicht zu debattieren und dabei spielen auch die finanziellen Verhältnisse eines Patienten keine Rolle, da sie in dieser Situation gar nicht erfragt werden.

2. Auch in einem Notfall muss der Arzt seine Entscheidungen jedoch nach den Regeln der ärztlichen Kunst und seinem Gewissen treffen und den Willen des Patienten berücksichtigen. So wird er z. B. einen final schwer und unheilbar Kranken eher nicht wiederbeleben, schon gar nicht gegen dessen erklärten Willen. Er muss sein Handeln auch unter Berücksichtigung der herrschenden Gesetzeslage treffen, so ist etwa ein aktives Töten (auch auf ausdrückliches Verlangen) in Deutschland verboten und zu Recht mit Strafe belegt.

3. Darüber hinaus kann ein Arzt in der Ausübung seines Berufes selbstverständlich nicht zu Eingriffen und Therapien gezwungen werden, die er nicht verantworten kann. Dies betrifft etwa die Durchführung einer elektiven OP, einer Schönheits-OP oder einer Herzkatheteruntersuchung genauso wie das Vornehmen einer Abtreibung.

Dass der Patient eine medizinische Maßnahme verlangt, zwingt den Arzt natürlich nicht, diese auch durchzuführen. Der Arzt ist kein Sklave oder Leibeigener des Patienten oder der Gesellschaft. Und man darf den, der sich aufgrund seiner Grundhaltung verweigert hat, dafür selbstredend nicht belangen.

4. Wenn also ein Arzt, eine Klinik, ein Klinikverband oder ein anderer Träger einer medizinischen Einrichtung eine Maßnahme grundsätzlich nicht anbietet, ist dies ein gutes Recht. Es ist geradezu absurd, einen Menschen zu einer Tätigkeit zu zwingen, die er warum auch immer ablehnt. Wer meint, sich das Bauchfett absaugen lassen zu müssen, hat sich einen Arzt zu suchen, der das kann und der das auch durchführen will. Dies gilt natürlich erst recht für eine Maßnahme wie eine Abtreibung, die komplikationsreich ist, schwere psychische Folgen hinterlässt und nicht ganz nebenbei auch das Töten eines Menschen zum Ziel hat.

Ich begrüße sehr, dass der wahnwitzige Versuch, den Ärzten eine unärztliche Maßnahme aufzuzwingen (gegen ausdrückliche Überzeugung, gegen das Leben eines Kindes und zum Nachteil der seelischen und physischen Gesundheit der Mutter) gescheitert ist.

Das Vorhaben ist absurd und menschenverachtend. Gott sei Dank wird in Europa das Gewissen eines Menschen hoch geachtet. Die Rechtssicherheit bezogen auf die Gewissensentscheidung ist hier übrigens umfassend und die Richtlinien sind ebenfalls klar.

Dr. med. J. Abel
Oktober 2010

Motto für ärztliches Handeln: “Heilen manchmal, lindern oft, trösten immer” (Borasio, Sterben, 2012, S. 26)

Wir bemühen uns, durch entsprechende Informationen die Möglichkeiten eines menschenwürdigen Sterbens bekannter zu machen. Die richtig verstandene Kultur der Endlichkeit des Lebens – dafür setzen wir uns ein.

März 2011

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