Realitätsverlust

Angesichts sich beschleunigender Veränderungen – weltweit und in ihrem unmittelbaren Umfeld – beschleicht immer mehr Menschen das unangenehme Gefühl einer grassierenden Orientierungslosigkeit. Resignation infolge der gefühlten Überforderung ist eine Folge. Fehlende Bewertungs- und Einordnungmaßstäbe können zudem dazu führen, daß diesen Menschen ihr eigenes Leben entgleitet und sie an einem Realitätsverlust leiden. Es kommt hinzu, daß die neuen Medien die Zugänge zu virtuellen Welten eröffnen. Die Übergänge sind fließend, die Grenzen verschwimmen.

Auch wenn der Fortschrittsgedanke und die ihm zugrunde liegende „utopische Grundmentalität“ durch das offenkundige Scheitern totalitärer Systeme einen erheblichen „Dämpfer“ hinnehmen mußten, verführen die unbestreitbaren Erfolge, z.B. im Bereich der Biowissenschaften und damit auch der Medizin, dazu, die Grenzen des sinnvoll Machbaren zu überdehnen. Die nahezu Glaubenszüge annehmende Position einer Entscheidungsautonomie und konsequenterweise eines Verfügbarkeitsanspruchs an das menschliche Leben, zu Beginn und am Ende, sind die Folge. Alles wird daran gesetzt, um den befürchteten Autonomieverlust am Lebensende zumindest abzumildern. Im Extremfall wird das Recht auf das selbstbestimmte Töten gefordert – verbunden mit dem Anspruch, dabei auf die (einklagbare) Mithilfe von „Fachleuten“ rechnen zu können.

Die Frage drängt sich auf, ob die Betroffenen möglicherweise nicht so sehr an einem Realitätsverlust leiden, sondern ihn – auch zu Kaschierung ihrer Unsicherheit – im Gegenteil geradezu genießen.

02/2010

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