Toleranz

„Anders als Du glaubst“ 

Die notwendige Weiterentwicklung vom geduldigen, eher passiven Ertragen zum wachen, aktiven und zukunftsträchtigen Dialog

Am 24. Oktober 2014 hat Jean-Louis Kardinal Tauran in der Jesuiten-Hochschule Sankt Georgen unter dem Titel „Interreligiöser Dialog – Beiträge zum Gemeinwohl“ einen bemerkenswerten Vortrag gehalten. Sein Eingangssatz lautete: „Wir leben in einer Welt, in der die Vielfalt der Religionen und Kulturen eine Realität ist“.  

Die Pluralität, die Differenziertheit ist die Signatur unserer Zeit. In einem kontinuierlichen Prozess haben sich die Gesellschaften multikulturell bzw. multireligiös weiter aufgefächert. Aber während dieser Prozess auch von der katholischen Kirche früher als Fehlentwicklung und daher als Mangel gesehen und bewertet worden ist, die nur ertragen (tolerare) werden musste, hat sich diese negative Sicht in letzter Zeit grundsätzlich gewandelt. Vom Gegeneinander hat man zum Miteinander gefunden, zur Akzeptanz einer notwendig gemeinsamen Pilgerschaft – sogar zu einer Anerkennung als einem „heilsgeschichtlichen Muss“. Der Pluralismus, die unterschiedlichen Sichtweisen und Deutungen werden jetzt als Chance gesehen. Andere Religionen haben teil an der Wirklichkeit des Reiches Gottes. Wegen der notwendig begrenzten eigenen Gotteserkenntnis kann der Glaube nur durch den ernsthaft geführten interreligiösen Heils-Dialog gereinigt und tiefer verstanden werden.

Heute wird Toleranz als Akt der Freiheit und der inneren Stärke gesehen. Die Pluralitätsfähigkeit ist zu einer kirchlich-theologischen Schlüsselkompetenz geworden. Damit könnte der Weg frei sein zu einer toleranzfähigen Identität unseres Glaubens.

Bezogen auf die gegebene Situation zog Kardinal Tauran folgende Schlüsse: „Wir sind zum Dialog verurteilt. Wir leben in einer Welt, in der alles, auch die Religion, im Plural dekliniert wird. Jeder muss seine eigene (religiöse) Überzeugung vertreten, denn auf Ambivalenz lässt sich kein Dialog aufbauen“.

Diese tolerante Haltung müssen wir einnehmen, wenn wir in der gewollt pluriformen Gesellschaft unsere Grundüberzeugungen für einen belastbaren, umfassenden Lebensschutz so vortragen, dass sie auch für Andere verständlich und akzeptabel sind.

17. November 2014

Verfassen Sie einen Kommentar

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>