Lebensschutz und Demonstrationen

Problem: Massiv widerstreitende Interessen

 

Demonstrationen sind ein von der Verfassung garantiertes Instrument der Meinungs- und Willensäußerung. Ihr Ziel ist es, die öffentliche/veröffentlichte Meinungsbildung zu beeinflussen, um auf demokratischen Wege Mehrheiten für die Veränderung von bestehenden gesellschaftlichen Sachständen zu erreichen.

Daher sind öffentliche Willensäußerungen im Bereich des Lebensschutzes  legitim und grundsätzlich zu unterstützen. Wenn dennoch bei dieser speziellen Thematik von Demonstrationen abgeraten wird, liegt dies begründet in den massiv sich widerstreitenden Interessen bestimmter gesellschaftlicher Gruppen, welche die angestrebte Zielverfolgung des Lebensschutzes, insbesondere des ungeborenen Lebens, in unzulässiger Weise relativieren und damit weitgehend unmöglich machen. Starke emotionale Potenziale werden aktiviert, die zu einer nicht steuerbaren Desintegration einer notwendig eindeutigen, zielgerichteten Willensbildung führen. Das liegt im Wesentlichen an der Komplexität der Problemstellungen innerhalb der betroffenen gesellschaftlichen Gruppen.

Der hohe Diversifikationsgrad sich widerstreitender Gruppeninteressen:

1.0    Betroffen sind zuvorderst die ungeborenen Kinder, denen ein nicht hinterfragbares Recht auf Leben zuzusprechen ist. Sie sind stumme Subjekte der Auseinandersetzungen und werden zu Objekten der existenziellen Entscheidung über Leben oder Tod degradiert.

Weitere relevante Interessengruppen sind:

2.0    die zur Mutterschaft betrauten und somit betroffenen Frauen, die das werdende Leben aus unterschiedlichen Gründen ablehnen;

3.0    die zur Vaterschaft aufgerufenen Männer, die sich häufig der Verantwortung entziehen und nicht selten ihre Partnerinnen unter Druck setzen, das Kind abzutreiben;

Die mannigfaltigen, ernst zu nehmenden Argumente der unter 2.0 und 3.0 bezeichneten Gruppen sind in Fach- und der breit veröffentlichten Populärliteratur ausgiebig beschrieben und bedürfen hier keiner weiteren Vertiefung.

4.0    fachorientierte Gruppen (z.B. Mediziner, Psychologen, Juristen, Politiker, Sozialarbeiter u.a.), die keineswegs ein in sich geschlossenes, werteorientiertes Leitbild in Richtung Lebensschutz anbieten;

5.0    die christlichen Kirchen und kirchlich orientierte Gruppen, bei denen die Frage nach dem Schutz ungeborenen Lebens grundsätzlich nicht zur Diskussion steht, weil die jüdisch-christliche Glaubenstradition eine eindeutige Pro-Leben-Aussage begründet. Dennoch kann man auch hier ein nuancenreiches Verhaltensmuster beobachten, wenn es um die ethische Beurteilung medizinischer und sozialer Grenzsituationen geht.

Der kirchliche Auftrag ist ein allumfassender Heilsauftrag für alle Menschen, also auch für diejenigen, die in ihrer Entscheidung mit kirchlich-institutionellen Leitlinien nicht konform gehen. Das erschwert die Positionierung der Kirchen im Dialoggerangel der öffentlichen Auseinandersetzungen ungemein.

Die unreflektierte Gleichwertigkeit von Beurteilungskriterien:

Die Informationsgesellschaft, auch als Wissensgesellschaft apostrophiert, beansprucht zunehmend eine individuell ausgerichtete Beurteilungskompetenz in (nahezu) allen Lebensfragen. Der freie Zugang zu Informationen befördert den Zeitgenossen in ein Gefühl der Sicherheit und Selbstbehauptung, das ihm vorgaukelt, dass er seine Schlussfolgerungen aus Sachverhalten eigenständig und weitgehend autark zu bilden vermag. Die Güte und Wertig- keit der Quellen seiner Informationen entziehen sich zumeist seiner Überprüfung im Sinne einer Validierung dieser Informationsaussagen. Eine vernetzende integrative Bewertung eines Themenkomplexes wird in den meisten Fällen ausgeblendet oder nur unzureichend geleistet.

Die Meinungsmanipulation durch die Medien, vor allem die nahezu unerschöpflichen Informationsangebote des Internet, verführen zu einer oberflächlichen Wertenivellierung und einem unkritischen Sich-Zu-Eigen-Machen der abrufbaren Argumentationshilfen.

Die konkrete Situation einer ungewollten Schwangerschaft soll beispielhaft die Problemfelder identifizieren, die eine solche integrative, bewertende Analyse verlangen. Hier einige gedankliche Schlaglichter von einem vorstellbaren Leidensszenario: Manifestation von Symptomen einer schweren Depression – Unbeherrschbare Angstsymptomatik infolge des Überrolltwerdens von einem drastischen Einbruch in die persönlich Lebensplanung – Durchkreuzen der beruflichen Karriere – Fehlende Solidarität seitens des Partners – Mangelnde Unterstützungsbereitschaft seitens des elterlichen Umfeldes – Schwierigkeiten am Studien-, Ausbildungs- bzw. Arbeitsplatz – Mangelnde wirtschaftlich-finanzielle Ressourcen – Medizinische Alarmsignale sowohl die Mutter als  auch das werdende Kind betreffend ….-

Diesem Bündel an tiefen Sorgen steht das werdende Leben gegenüber, dessen Eigenrecht auf Existenz die Gesellschaft in der offenen Diskussion relativierend in Abwägung stellt zu den oben aufgeführten Problemfeldern und ihren möglichen Konsequenzen. Und jedes dieser Felder ist – weiß Gott! – mit hoher Ernsthaftigkeit und Folgenschwere behaftet.

Kurz gefasst lässt sich sagen, es gilt das Spannungsfeld individuelle Lebensbiographie versus Lebensschutz zu entzerren. Das löst in unserer Informations- und Wissensgesellschaft regelrechte Diskussionsschlachten aus, leider zunehmend begleitet von tätlichen Auseinandersetzungen (vgl.USA).

Hochkomplexe, von mehreren Beurteilungsebenen zu bewertende Sachverhalte als begrenzende Faktoren für Demonstrationen:

Eine Demonstration soll eine konkret abgrenzbare, eindeutig nachvollziehbare Stoßrichtung der Willensbildung unterstützen (z.B.: Lohnverhandlungen, Protest gegen Arbeitsplatzabbau bei einer bestimmten Firma, Forderung nach mehr Kindertagesstätten, wirksamer Lärmschutz bei der Projektierung zusätzlicher Start- und Landebahnen etc.). Ihr Primärziel ist zunächst, eine zahlenmäßig nennenswerte, wirkmächtige Anhängerschaft zu gewinnen. Im Folgeschritt wird Letztere zur politischen Einflussnahme auf die staatlichen bzw. hoheitlichen Stellen eingesetzt, welche die angestrebte Änderung einer konkreten Lebenssituation bewirken sollen.

Diese einmütige Zielausrichtung ist in der Sache Lebensschutz aufgrund ihrer komplexen, mehrschichtigen Problemstellung in unserer Gesellschaft nicht gegeben. Ein organisierter Demonstrationszug von Lebensschützern besitzt ein hohes Provokationspotenzial für gesellschaftliche Gruppen, die aus unterschiedlichen Beurteilungsperspektiven heraus argumentieren und, durch die Ernsthaftigkeit der Sache begründet, mit großem emotionalen Engagement operieren. Die Ergebnisse derartiger Demonstrationen sind eher ernüchternd, riefen sie in der Vergangenheit eher Gegenreaktionen hervor, die in der Nähe klamaukhafter Diffamierungskampagnen anzusiedeln sind. Auch das Echo in den Medien kann nicht als aufbauend gewertet werden. Selbst kirchliche Stellen reagieren eher zurückhaltend und halten sich bedeckt.

Bedeutung einer stärker harmonisierten Grundstimmung für Demonstrationen:

Was im zur Zeit herrschenden gesellschaftlichen Umfeld eine Demonstration in Sachen Lebensschutz nicht leistet, ist die intellektuelle und emotionale Vernetzung der Argumente von Menschen fixiert auf unterschiedlichen Beurteilungsebenen. Alle Bemühungen müssen darauf gerichtet sein, dass es gelingt, die Aspekte des Leids und der außerordentlichen, stresshaften Belastung mit denen der Verantwortung und der gewinnbringenden, zutiefst humanen Zusage zum Schutz des Lebens als ein in sich geschlossenes Problemfeld gemeinsamer menschlicher Sorge und Anstrengung anzuerkennen. Mit diesem bedeutenden Schritt würde die Anmaßung individueller Entscheidungskompetenz auf der Grundlage beliebiger Informationsaneignung (vgl. Informationsgesellschaft) ohne die dringend notwendige Vernetzung mit anderen sorgsam fundierten, bewertenden Argumentationsinhalten unterbunden.

Als folgerichtige Konsequenz würden unkritische Anschuldigungen, Diffamierungen und Frontverhärtungen entfallen. Die dümmliche Kategorisierung zwischen sog. progressiven und konservativen Gruppierungen entbehrt dann jeglicher ernst zu nehmender Grundlage.

Demonstrationen für den Lebensschutz bedürfen einer intensiveren, breiter angelegten geistigen Vorbereitung:

Die Anstrengungen der vielen regionalen Gruppen und Vereinigungen im Rahmen qualifizierter Aufklärungsarbeit (Diskussionsforen, Vortragsveranstaltungen, Unterstützung konkreter Hilfsprojekte für Kinder und Mütter) tragen ihre Früchte in der Stille und Abgeschiedenheit vom alltäglichen Getöse der öffentlichen Meinung. Diese wertvolle, überaus verdienstvolle Arbeit sollte man  nicht durch zwar gut gemeinte, aber letztlich kontraproduktive Demonstrationsaktivitäten marginalisieren.

Wir benötigen noch sehr viel Zeit, um die Thematik des Lebensschutzes in breite Kreise unserer Bevölkerung hineinzutragen. Diese mühsame Vorarbeit einer solide begründeten Bewusstseinsbildung muss geleistet werden. Erst vor diesem Hintergrund gestaltet sich die Frage nach öffentlich organisierten Demonstrationen im Sinne einer einmütigen, wirkmächtigen Bewegung zum Schutz des Lebens als zutiefst berechtigt und sinnvoll.

Schauen wir doch mal über den berühmten Tellerrand hinaus und lernen von etablierten bedeutenden gesellschaftlichen Errungenschaften und den damit verbundenen strategischen Arbeitsmethoden auf dem steinigen Weg zum Erfolg. Beispiele könnten sein: die Gleichberechtigung von Mann und Frau; die Soziale Marktwirtschaft, der Arbeitsschutz, die Gründung der Berufsgenossenschaften, der Verbraucherschutz, der Umweltschutz, die Einführung des EURO u.v.a.

Dr. Hans Kohl, Königstein – 30.01.2010

Anmerkung:

Der BVL hat für seinen “Marsch für das Leben” am 21. September 2013 beim Berliner Dom wegen der Möglichkeit eines Abschlussgottesdienstes angefragt. Wie schon vor Jahren, hat das Domkirchenkollegium negativ reagiert: “Wir sehen es als höchst problematisch an, die ausgesprochen sensiblen und komplexen Themen menschlicher Existenz – wie z.B. einen Schwangerschaftsabbruch oder die PID – zum Gegenstand einer Aktion mit dem Namen “Marsch für das Leben” zu machen”.

28.09.2013 jwb