PID oder Was sollen wir wissen?


(Prof. Paul Kirchhof, FAZ 17/01/11)

Oder: Das Recht auf Nichtwissen

Die öffentliche Diskussion über die Zulässigkeit, evtl. die Grenzen, der Präimplantationsdiagnostik ist voll entbrannt. Ein entsprechendes Gesetz soll der Bundestag im Laufe des Jahres beschließen. In seinem o.a. Artikel betont Prof. Kirchhof einen interessanten Aspekt: Den grundsätzlich positiven menschlichen Forschungsdrang unter Anerkennung der daraus folgenden Verantwortung. Es geht um die Konsequenzen aus dem Wissen, aber auch um die Grenzen des Wissen-Wollens. Nach seiner Ansicht „scheinen Eltern und Ärzte der Aufgabe nicht gewachsen zu sein, verantwortlich mit Wissen umzugehen“.

Kirchhof beschreibt zwei Grenzen: „Jedenfalls ist auf das medizinische Erforschen eines Wissens zu verzichten, das zu rechtswidrigen Handlungen des Menschen führt.“ Und: „Wäre ein Embryo mit schweren Erbkrankheiten erkennbar behandelbar, dürfte die Behandlung kaum unterlassen werden“.

Da im Moment aber keine erkennbare Chance für eine Heilbehandlung zur Verfügung steht, kann die Aussonderung/Selektion zum Zwecke der Untersuchung für Embryonen mit genetischen Auffälligkeiten nur zur „Verwerfung“/Tötung führen und damit zu einer rechtswidrigen Handlung.

Wie steht es mit den Grenzen des Wissen-Wollens? Wer entscheidet? Das Recht? Kirchhof schreibt: „Erwartet die Mutter nicht guter Hoffnung ihr Kind, sondern sieht sie dem Kind bei der Möglichkeit einer schweren Erbkrankheit mit Bangen und Zagen entgegen, darf sie jedenfalls bei einer Gefahr für Leib und Leben der Frau oder des Kindes nicht in einer vermeidbaren Ungewissheit verharren müssen“.

Vermeidbare Ungewissheit? Es gibt ein Recht auf Nichtwissen – für den Arzt und die Mutter/Eltern. Allerdings müssen dabei Unterschiede beachtet und schwierige Abgrenzungen getroffen werden:

Darf der Arzt sich unter Hinweis auf dieses Recht von seiner Verantwortlichkeit entlasten? Dürfte er bewußt einen belasteten Embryo implantieren? Was gilt, wenn die Eltern darauf bestehen?

Welche Folge hätte es, wenn die Mutter sich für die vermeidbare Ungewissheit entscheidet? Müßte sie damit rechnen, sich später rechtfertigen zu müssen? Und im  gegenteiligen Fall: Möglicherweise könnte zwar die Ungewissheit vermieden werden, aber welche echten Handlungsalternativen werden ihr anschließend eröffnet? Eine Heilungschance für einen belasteten Embryo gibt es nicht, d.h. die Mutter müßte sich – trotz Kenntnis einer möglichen Erkrankung – für die Implantation entscheiden.

Januar 2011

Verfassen Sie einen Kommentar

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>