EUROPA – UNSERE ZUKUNFT

Oder: Sich zu outen, ist in

Es sei denn, man heißt Buttiglione

„Wer unsere religiöse Inbrunst nicht versteht, kann uns nicht verstehen. Daraus ziehen wir unseren Optimismus. Was soll schon passieren, wenn wir Gott an unserer Seite haben?”. Diese für viele aufgeklärt-liberale europäische Ohren unkorrekte, inakzeptable Deutung stammt von dem US-amerikanische Autor Jeremy Rifkin. Vielleicht eine erste Erklärung für die „Ent-Täuschung” vieler Europäer über den Ausgang der US-Präsidentenwahlen.

Welche Antwort würden wir von einem Europäer erhalten? Auch bei uns sind viele politische Akteure von einer nicht zu übersehenden Inbrunst erfüllt – allerdings mit völlig entgegengesetzter Tendenz. Stichwort Buttiglione. Er hat es gewagt, sich als überzeugungsstarker christlicher Politiker zu outen. Das hätte er nicht tun sollen. Sogar die Gründungsväter der EU dürften heute keine führende Rolle übernehmen, ihre unbarmherzigen, inquisitorisch agierenden Kritiker würden sie als ideologisch nicht-kompatibel ablehnen. Dann doch lieber die Türkei als Mitgliedsland.

„Europa erscheint heute aus der Sicht anderer Kulturkreise wie eine von innen her absterbende, dem Untergang geweihte Zivilisation. Dies geht einher mit einem bio-logischen Schwund durch abnehmende Geburtenzahlen” (Kardinal Ratzinger 2004).

Auf welche Fundamente bauen wir unsere Zukunft? Die Frage, auf welchen Werten Europa beruht, bleibt umstritten. Die „christlich-jüdischen Wurzeln” Europas dürfen in der EU-Verfassung nicht einmal erwähnt werden. Warum müssen sich eigentlich die Befürworter der Erwähnung rechtfertigen? Dazu hat der bosnische Dichter Dzevad Karahasan gesagt: „Europa auf das Christentum zu reduzieren, das wäre sehr schade. Das Christentum aber zu vergessen, das wäre eine Katastrophe”.

Unser Ziel als Christen ist eine wertgebundene Verfassungsordnung – als gemeinsam akzeptierte Basis. Der Kulturkampf um „Buttiglione” läßt allerdings nichts Gutes ahnen. Mit oder ohne Erwähnung in der Verfassung – wir sind gefordert.

Um unserer Zukunftsfähigkeit willen müssen wir versuchen, die religiösen Inhalte für die säkulare Gesellschaft zu „übersetzen” (Habermas), die darin enthaltenen Wahrheiten – mit Hilfe der Vernunft („fides et ratio”) – auch für Nicht-Christen zumindest ansatzweise verstehbar zu machen.

Dezember 2004

Verfassen Sie einen Kommentar

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>