Tag der Europawahlen: Wie definieren wir uns?

Oder: Hat Gott unser „altes Europa“ verlassen?

Gerade in den letzten Wochen konnte man den Eindruck gewinnen, unsere jüdischen Mitbürger definierten sich vornehmlich über die „Shoa“, jene epochale Katastrophe, die – in einer gewagten Deutung – sogar die erlösende Botschaft Christi in ihrer Wirksamkeit aufgehoben habe (Nozick).

Dennoch: Gott erinnert sein Volk immer wieder daran (u.a. Dtn. 4, 32-34, 39-40), daß er es erlöst, aus der Knechtschaft befreit hat, daß nur er dem Volk und jedem Einzelnen seine Würde als Mensch gegeben hat. Gott allein ist der unverrückbare Bezugspunkt, die bleibende Definitionsgrundlage. Gott sei Dank …

Und wir? Wer erinnert sich nicht an die zumeist emotional geführte Diskussion um die – im Gegensatz zu unserem Grundgesetz – fehlende „invocatio dei“, den Gottesbezug in den geplanten Europäischen Verfassung? Schwerwiegender als das formale Fehlen dieser Bezugsformel wäre es allerdings, wenn darin ein allgemeines Schwinden des Bewußtseins der Herkunft zum Ausdruck käme. Es scheint, daß Gott nicht nur abwesend ist, sondern daß sein Fehlen gar nicht weiter auffällt; er wird nicht einmal vermißt.

Welches Bild haben wir von Gott? Gibt es einen „abwesenden“ Gott – oder ist das zu menschlich gedacht? Wahrscheinlicher ist, daß uns die Sensibilität, das Sensorium für alles Göttliche immer mehr verloren geht. Das spürbare Defizit füllen wir mit anderen „Göttern“: Die wachsende Gesundheitsindustrie ist nur eine Antwort. Aber sie trägt nicht: Ein Tag mit Behinderten öffnet uns die Augen.

Heute wählen wir das Europäische Parlament. Fühlen wir uns verantwortlich? Oder geben wir uns mit den verbliebenen Domen, den Wegkreuzen zufrieden?

Juni 2009

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