DIE DIKTATUR DES RELATIVISMUS (1)

Vorwurf: Ausnutzung der Gewissensfreiheit als Verletzung derselben

Bei Diskussionen über ethische Fragen lassen sich im Grundsatz drei verschiedene Haltungen feststellen: (1) das unbeirrbare Festhalten an der eigenen Meinung als richtig; (2) die Diktatur des Relativismus, die im Endeffekt die eigene Meinung auch als nicht angreifbar darstellt und (3) bei aller Grundsatztreue das Bewußtsein des „Danebenliegenkönnens”.

Was macht die Diskussion mit sogenannten „Fundamentalisten” – links wie rechts – oft so schwierig und unergiebig? Es ist nicht so sehr die Argumentation mit „dem erhobenen Zeigefinger”, sondern die auch ansatzweise fehlende Bereitschaft, die eigene Meinung kritisch zu hinterfragen: Schon die Möglichkeit einer erforderlichen Korrektur angesichts neuerer Erkenntnisse wird verneint.

Der um sich greifende Relativismus führt gerade bei Fragen des Lebensschutzes (Abtreibung, Euthanasie) immer häufiger zu Konfliktsituationen, in denen sich zwei nicht vereinbare Meinungen gegenüberstehen. Die im Grundsatz beiden Seiten zugestandene (absolute) Gewissensfreiheit hat dann aber die paradoxe Folge, daß die Ausübung gerade dieser Freiheit (z.B. durch Verweigerung der Mitwirkung bei der Abtreibung) von der anderen Seiten unter Hinweis auf die behauptete Verletzung der eigenen Freiheit vereitelt wird. Das hat man (S. Fontana, ZENIT, 9/11/07) nicht zu Unrecht als die „Diktatur des Relativismus” bezeichnet.

Einer dezidierten Äußerung „aus Rom” meinte die evangelische Seite vor kurzem „mangelndes Bewußtsein der Relativität des eigenen Standpunkts” entgegenhalten zu sollen. Dieser Vorwurf mißversteht das grundsätzliche Wahrheitsverständnis der katholischen Kirche. Zum einen beharrt sie schon immer darauf, unter bestimmten Umständen Offenbarungswahrheiten erkennen und sie dann auch verbindlich aussagen zu können. Außerdem ist es doch gerade das Ziel des jetzigen Papstes, durch ein Zusammenwirken von Glauben und Vernunft gegen die „Relativität der Meinungen”, deren behauptete Gleich-Gültigkeit vorzugehen.

Im Bereich der Pastoral, im Umgang mit uns fehlbaren Menschen hat die Kirche neben dieser grundsätzlichen Position aber immer auch das Bewußtsein des Danebenliegenkönnens – das der Anderen aber eben auch das eigene – gepflegt. Das macht sie sympatisch und menschlich. – Vergl. dazu auch “Toleranz”: Der heilsnotwendige Dialog

November 2014

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