Hospiz / Palliativmedizin

Neue Entwicklungen:

Am 5. November 2015 hat der Deutsche Bundestag das Palliativ- und Hospiz-Gesetz beschlossen. Es regelt für Sterbende die verbesserte ambulante und stationäre Versorgung, z.B. in Hospizen. Die Sterbebegleitung in ihren verschiedenen Formen ist jetzt fester Bestandteil des Versorgungsauftrags der sozialen Pflegeversicherung. Die Hospizkultur wird durch die bessere finanzielle Ausstattung dieser Einrichtungen gestärkt; dazu wird die Erhöhung der von den Krankenkassen zu erbringenden Kostenerstattung von 90% auf 95% angestrebt.

Am 6. November 2015 hat der Deutsche Bundestag nach jahrelangen, intensiven Diskussionen unter Aufhebung des Fraktionszwanges ein Gesetz zur Bestrafung der Suizidbeihilfe beschlossen: Während wie bisher die im Einzelfall z.B. von Angehörigen ausgeübte Beihilfe zur Selbsttötung grundsätzlich straffrei bleibt, wird die geschäftsmäßige (organisierte, auf Wiederholung angelegte) Hilfe sanktioniert. Das gilt u.a. für sogenannte Sterbehilfevereine, die schon einen „Gang nach Karlsruhe“ angekündigt haben. Für Ärzte hat diese Entscheidung nur zum Teil zu einer wünschenswerten Klärung ihrer Situation beigetragen, weil einige standesrechtliche Ländergesetze diese Beihilfe verbieten – unter Androhung des Verlustes der Approbation.

Das (wohl nicht zufällige) zeitliche Zusammenfallen dieser beiden wegweisenden Entscheidungen des deutschen Gesetzgebers kann man als eine „glückliche Fügung“ bei der Frage der Zukunft einer gewünschten, menschenwürdigen Sterbegleitung ansehen. Führende Vertreter der christlichen Kirchen (u.a. die Bischöfe Ackermann und Fürst sowie Peter Neher, der Präsident der Caritas) haben daher den verstärkten Ausbau der Einrichtungen der Palliativmeditin bzw. der Hospize angemahnt bzw. versprochen. „Auch sterbenskranke Menschen haben ihren Platz inmitten unserer Gesellschaft“ (Neher). Sie über die Suizidbeihilfe möglicherweise sogar unter sozialen Rechtfertigungsdruck zu setzen, wäre m. E. jedenfalls keine akzeptable gesellschaftliche Option (jwb).

 

HOSPIZ / PALLIATIVMEDIZIN:  „Menschenwürdiges Leben vor dem Lebensende”

Spiritual Care: Disziplin im Grenzbereich zwischen Medizin, Theologie und (speziell) Krankenhausseelsorge  

Wegen subjektiv als unerträglich empfundener Schmerzen, besser: Leiden, suchen Schwerkranke manchmal nach einer sicheren Möglichkeit, ihr Leben selbstbestimmt zu beenden. Weil wir Christen diesen Wünschen nicht  – weder direkt, auch nicht im Wege der Beihilfe zum Suizid – entsprechen können, bedarf es um so mehr des behutsamen Eingehens auf diese Bitten, ausgesprochen oder nicht. Sie müssen ernstgenommen und in der Tiefe verstanden werden. Bei behutsamem Nachfragen sind in den „Sterbewünschen” verschiedene Ängste enthalten: Vor unerträglichen Schmerzen, aber auch vor dem Alleinsein, sozialer Ausgrenzung und vor als zu stark empfundener Belastung der Angehörigen – und für sich selbst. Sogar ein ursprünglich geäußerter Sterbewunsch kann so gut interpretiert und häufig genug “aufgegeben” werden.

Eine menschenfreundliche Antwort ist die intensive, persönliche Betreuung entweder im Wege der palliativen (wärmenden) Medizin oder bei Sterbenskranken durch die aktive STERBEBEGLEITUNG in Hospizen. Palliativ-/Hospiz-Stationen sind der gesellschaftlich akzeptierte Gegenentwurf zu der geforderten Legalisierung der aktiven Sterbehilfe bzw. der Suizidbeihilfe und/oder Angeboten wie DIGNITAS/EXIT. Soweit personell/sachlich möglich, werden diese Dienstleistungen auch zuhause angeboten – z.B. über die Spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV). Erfahrungsgemäß kann so der ursprünglich geäußerte „Sterbewunsch” gut interpretiert und beantwortet werden. – Bei uns gibt es etwa 1.500 ambulante Palliativ- und Hospizdienste sowie über 200 stationäre Hospize; die Zahl der Palliativstationen ist auf über 300 gestiegen. – Jährlich werden so etwa 800.000 Sterbefälle betreut. Auch als Antwort auf die Auflösung der Familienbande und die zunehmende Anzahl der Single-Haushalte hat sich bei uns (ausgehend von England) die Zahl der Hospize und der Palliativstationen erfreulich vermehrt. Diese Entwicklung ist zwar positiv zu werten, aber noch lange nicht ausreichend; in der Stadt Frankfurt gibt es z. Zt. nur zwei Hospize.

Die Begleitung und Hilfe für die Betroffenen – Patienten und deren Angehörige – im Hospiz im Sinne einer umfassenden (rounded care) Betreuung auf dem Weg zu einem menschenwürdigen Sterben hat seit dem Mittelalter eine lange christliche Tradition (lat. hospitium: Gastfreundschaft, Herberge). Die meisten Menschen möchten zu Hause, zumindest in ihrer vertrauten Umgebung sterben; 70% sterben aber in einem Krankenhaus. Es bedarf daher einer größeren Zahl in der Palliativmedizin ausgebildeter (Haus)-Ärzte für die ambulante – deren Anteil sollte deutlich ausgeweitet werden – und/oder die stationäre Betreuung in der Sterbebegleitung; im April 2015 wird die Zahl der Ärzte mit einer Zusatzqualifikation in Palliativmedizin auf etwa 8.000 geschätzt.

Damit Angehörige die Pflege schwerstkranker Angehöriger übernehmen können, schlägt das Zentralkomitee der Deutschen Katholiken eine „Pflegezeit” (mit Arbeitsplatzgarantie) vor. In Österreich wird die Betreuung sterbenskranker Familienangehöriger für bis zu sechs Monaten durch die „Familienhospizkarenz” erleichtert.

Für uns Christen bedarf es des Aufbaus von mehr Palliativ-/Hospiz-Stationen in christlicher Trägerschaft – im Sinne einer gelebten Ethik. Im Juli 2014 ist eine neue geistliche Gemeinschaft “Gemeinschaft der Dienerinnen der Gekreuzigten Liebe und der Schmerzhaften Mutter Gottes” kirchlich anerkannt worden. Auf dem Weg zu einer klösterlichen Hospizherberge bieten ihre (jetzt 22) Mitglieder den Menschen am Lebensende zumeist ambulant eine medizinische und spirituelle Begleitung in einem familiären Umfeld an. – Gesundheit ist zwar ein erstrebenswertes Ziel, aber nicht der Maßstab für den Wert des Lebens. Auch Leiden kann einen Sinn haben. In einer Gesellschaft, in der Jugend, Gesundheit und blendendes (wen?) Aussehen einen hohen Stellenwert haben, muß jemand wie Papst Johannes Paul II in dem offenen Umgang mit seiner Krankheit und seinem Tod ein Stein des Anstoßes sein – aber auch für viele Kranke ein Grund der Hoffnung. Im Tod traf auf ihn die heute fast nicht mehr geläufige bzw. verständliche Beschreibung zu: „Er hat das Zeitliche gesegnet”.

Vergl. auch das „Ars Moriendi” – Video-Interview-Projekt und die Texte (unter ZDZ).

November 2015

1 Kommentar zu Hospiz / Palliativmedizin

  • J. Beckermann

    “Abrechnung in Sterbeminuten”

    Der evangelische Theologe und Soziologe Reimer Gronemeyer hat (s.o.; katholisch.de 08/01/2016) davor gewarnt, dass durch die sich weiter verstärkende Kommerzialisierung der Palliativmedizin (als zunehmend interessanterer Markt) der religiöse Aspekt und inbesondere das persönliche Ehrenamt im Hospizbereich an den Rand gedrängt werden könnten. Dieser Trend würde erst wieder umschlagen, “wenn die Menschen die für viele unbezahlbare, perfekt organisierte, kalte und genormte Sterbeversorgung nicht mehr wollen”.

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