Vertrauliche Geburt

Die „VERTRAULICHE GEBURT“ – möglich auch nach ANONYMER BERATUNG

 

GRUNDTHESE: Die Lebensrettung des Kindes hat oberste Priorität

– gegen den Willen der Mutter ist das ein fast unerreichbares Ziel

Wie kann „Schwangeren in Not“ am wirkungsvollsten geholfen werden? Eine gute Alternative ist die niedrigschwellige, pränatale und gezielt persönliche Beratung im Rahmen der „Aktion Moses“, die u.a. vom SkF angeboten wird. Die Mutter wird vor, während und nach der Geburt betreut. Diese Hinwendung ist ein wesentlicher Teil der “FRÜHEN HILFEN”.

Die Ausgangslage:

Auch wenn sie die Schwangerschaft nicht verdrängt haben, befinden sich Mütter eines unerwünschten Kindes vor, bei und nach der Geburt oft in einer psychologischen Zwangslage. Unter den so für sich wahrgenommenen Lebensumständen sehen sie keine realistischen Zukunftschancen für sich und das Kind. Sogar die Tötung bzw. Aussetzung des Kindes werden erwogen und leider auch umgesetzt. Die Zahl der pro Jahr getöteten Kinder liegt in Deutschland (ziemlich konstant) bei um die fünfzig; die Höhe der Dunkelziffer ist schwer abzuschätzen.

Wie lassen sich die Zukunftsperspektiven unerwünschter, ungeplanter Kinder und ihrer Mütter konkret und nachhaltig verbessern?

– Wie definiert sich die Zielgruppe? Sehr unterschiedlich; breites Spektrum je nach Lage und Persönlichkeitsstruktur der Mutter

– Wie erreicht man die Mehrzahl der Mütter? Plakate (mehrsprachig)? Zunehmend wird das Internet genutzt. Hilfreich ist ein kostenloses Notruftelephon rund um die Uhr

Bekanntheit der Hilfe anbietenden Stelle ist entscheidend!

– Welche Beratungsleistungen werden wie angeboten und welche Hilfen sollten verbessert werden? (Teil-)Kostenübernahmen?

– Werden die Hilfen rechtzeitig, d.h. schon während der Schwangerschaft, und lange genug bis nach der Geburt angeboten?

– Wie lange und wem gegenüber kann die von den Müttern zumindest am Anfang erwartete Vertraulichkeit gewährleistet werden? Da die Anonymität der Beratung erlaubt ist, sollte man diese Möglichkeit aggressiv nutzen – auch in der Werbung -, um die Mütter überhaupt für die Beratung zu interessieren.

– Welche Konflikt- bzw. Konkurrenzsituationen sind wie aufzulösen? Wie steht es mit dem für die Zukunft des (adoptierten) Kindes eminent wichtigen Recht auf Kenntnis der eigenen Herkunft?

 

(A) Angebot Babyklappe

In Deutschland liegt die Zahl der vorgehaltenen Babyklappen inzwischen (schwankend – Beginn 1999) bei etwa 100. Aber obwohl die so gegebenen Möglichkeiten genutzt werden, sinkt die Zahl der kurz nach der Geburt ausgesetzten bzw. getöteten Kinder nicht entscheidend. Ob die Dunkelziffer sich verändert hat, ist unbekannt.

Gegen das Angebot der Babyklappe und/oder der anonymen Geburt werden folgende Kritikpunkte vorgebracht:

– Es schafft neue Nachfrage (“bedarfsweckend”), spricht aber leider die anvisierte Zielgruppe nicht wirklich an. Offensichtlich werden die (psychologischen) Gründe für eine Tötung bzw. Aussetzung Neugeborener durch dieses Angebot nicht durchschlagend aufgegriffen und entkräftet. Dieses Bedenken wird in einer neuen Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI/Veröffentlichung 02/2012) bestätigt.

– Es scheint, dass einige Mütter diese Einrichtungen sogar missbrauchen, um ihre toten oder behinderten Kinder loszuwerden (DJI).

– Der Mutter wird während der Schwangerschaft und bei sowie nach der Entbindung keinerlei Hilfe und Beratung angeboten.

– Für die in der Babyklappe abgelegten Kinder wird das Recht auf die eigene Identität verletzt – mit den gut dokumentierten negativen psychologischen Langzeit-Folgen. Diesen Nachteil versucht man dadurch zu mindern, dass man mit einer Nachricht in der Babyklappe die Mutter doch um eine Kontaktaufnahme bittet.

Dieses Bedenken hat die UNO bewogen, in der Tschechischen Republik gegen die 44 Babyfenster zu intervenieren.

– Die Babyklappe entspricht nicht unseren Gesetzen; die Bundesregierung möchte das ändern (Juli 2012). In einigen Ländern, z.B. in Frankreich, ist die anonyme Geburt erlaubt; dort gibt es aber immer wieder Proteste der Betroffenen gegen die gesetzlich gestattete Anonymität.

– Den beteiligten Helfern wird einiges zugemutet: Die Frage der Schweigepflicht und des Zeugnisverweigerungsrechts ist umstritten. Hilfe unter dem Risiko eigener  Strafbarkeit bzw. möglicher Schadensersatzansprüche zu erwarten, muß die doch erwünschte Bereitschaft reduzieren.

– Von diesen Angeboten können grundsätzlich falsche Signale ausgehen: Die Gesellschaft darf keine direkten/indirekten Anreize bieten, die Eltern aus ihrer Verantwortung für das Kind zu entlassen.

– Der juristische Ansatz mit Blick nur auf die generelle Legalisierung der „anonymen Geburt“ und der Babyklappe reicht nicht aus. Die Entscheidung über die Art der Geburt nur in die Hand der Mutter zu legen, würde Rechte des Kindes verletzen UND der Verantwortung der Mutter nicht gerecht werden.

Am 26. 11. 2009 hat sich der „Deutsche Ethikrat“ mit deutlicher Mehrheit nach langjährigen Studien und öffentlichen Anhörungen für ein Ende der Babyklappen und der anonymen Geburten (in 130 Kliniken) ausgesprochen. – Kirchenvertreter haben aber in Sondervoten dafür plädiert, diese Möglichkeit weiterhin als „ultima ratio“ offen zu halten.

Für diese Möglichkeit sollte aber nicht aktiv und isoliert geworben werden.

 

(B) „Anonyme Geburt“ als Ausnahme.

Wenn man davon ausgehen muß, daß in bestimmten Fällen das Leben des Kindes nur unter der Bedingung der zugesagten und durchgehaltenen Anonymität zu retten ist, daß nur so die vorhandenen Hemmschwellen abgebaut werden und nur so ein Weg aus der subjektiv empfundenen Zwangslage gefunden werden kann, sollte die Möglichkeit der „anonymen Geburt“ als Ausnahme zugelassen werden – mit der Inkognito-Adoption als Ergänzung. Die zur Adoption erforderliche Zustimmung der Mutter kann durch das Gericht ersetzt werden.

Die in einem Krankenhaus angebotene „anonyme Geburt” hat den Vorteil, daß die medizinische Betreuung von Mutter und Kind besser gewährleistet werden kann. Vielleicht ergeben sich auch noch zusätzliche Ansatzpunkte für eine weitere persönliche Beratung der Mutter.


(C) Angebot „Vertrauliche Geburt“ nach – anonymer – Beratung (Beratung als heilende Begegnung)4

Am 1. Mai 2014 ist das “Gesetz zum Ausbau der Hilfen für Schwangere und zur Regelung der vertraulichen Geburt” in Kraft getreten.

Im Alter von 16. Jahren  hat das (adoptierte) Kind das Recht, die von der Mutter hinterlegten Daten einzusehen. Falls die Mutter ein Verbot ausgesprochen hat, entscheidet das Familiengericht; evtl. ist sogar die anonyme Geburt möglich. – Seit Mai 2014 haben 95 Frauen von dieser neuen Möglichkeit Gebrauch gemacht (FAZ 30.04.2015).

Es gibt jetzt ein bundesweit immer erreichbares, kostenfreies Notruftelephon unter 0800 40 40 020.

 

Eine gute bessere Alternative ist angesichts der Komplexität der Einzelsituationen und der Verschiedenartigkeit und Konkurrenz der zu schützenden Rechte die „Aktion Moses“ (vergl. Internetstartseite) im Rahmen der allgemeinen (Schwangerschafts-)Beratung gem. § 2 SchKG. Es handelt sich um ein 3-phasiges Angebot:

1. Phase: Die Kontaktaufnahme zwischen SkF und Mutter erfolgt vor der Geburt. Wegen der zur Verfügung stehenden längeren Zeitspanne kann eine umfassende auch anonyme Beratung angeboten werden mit dem Ziel eines persönlichen, paßgenauen Hilfsangebots vor, während und nach der Geburt.

– Wichtig ist, daß das Notruftelephon kostenlos zur Verfügung steht (s.o.) und daß die Betroffenen einen leichten Zugang haben.

– Auch wegen der gewünschten Anonymität erfreut sich das Internet bei der ersten Kontaktaufnahme zunehmender Beliebtheit. Zusätzlich zu den bisherigen Hilfen wird daher über ein Portal des Deutschen Caritasverbandes die Online-Beratung angeboten; diese Möglichkeit wird gerade auch von Ratsuchenden in der frühen Schwangerschaft, sogar bei Schwangerschaftskonflikten, genutzt.

Auch wenn der erste Kontakt mit der Zusicherung anonymer Beratung erfolgt, ist das Ziel, auch aus rechtlichen Gründen, der spätere (Teil-)Verzicht auf diese Absicherung.

Erfahrungen zeigen, daß diese Beratung bei dem überwiegenden Teil der Mütter zu einer endgültigen Akzeptanz der ursprünglich abgelehnten Schwangerschaft, d.h. zu einer Entscheidung für ein Leben mit dem Kind führt.

2. Phase: Wenn die Mütter sich dennoch außerstande sehen, die Kinder zu behalten erlaubt das durch die Betreuung gestärkte Vertrauen der Mutter, unter (teilweiser) Aufgabe der Anonymität persönliche Dinge/Daten für ihr Kind zu hinterlegen. Durch den Zugang des Kindes zu diesen Informationen – z.B. am 16.sten Geburtstag – kann die langwierige und oft sehr belastende „Reise in seine eigene Vergangenheit“ weitgehend vermieden werden.

Diese Vorgehensweise wird „vertrauliche Geburt“ genannt. Der SkF bezahlt die Geburt. Das Neugeborene wird im Wege einer Arm-zu-Arm-Übergabe einer Vertrauensperson überantwortet, die dann die weiteren Schritte für eine gesicherte Zukunft des Kindes (z.B. durch Adoption) unternimmt.

Auf diese Weise kann auch den Müttern geholfen werden, die Jahre nach der Freigabe zur Adoption wissen möchten, was aus ihrem Kind geworden ist. Auch für die Adoptiveltern, die mit „ihren“ Kindern leiden, könnte mit dieser Regelung eine Entlastung geschaffen werden.

3. Phase: Die Erfahrungen bei der „Aktion Moses“ haben bestätigt, daß ohne das Angebot der (rechtlich erlaubten) anonymen Beratung viele Schwangere den Kontakt zur Beratungsstelle gar nicht erst aufnehmen würden. Die Gründe für den Wunsch nach diesem Schutz (auch über die Geburt hinaus) sind so verschieden wie die jeweiligen Personen/Umstände.

Wenn die Mütter ihre Anonymität in keiner Phase aufgeben möchten, wird in Ausnahmefällen die „anonyme Geburt“ als ultima ratio durchgeführt.

 

Gesetz zur “Vertraulichen Geburt”:

– Am 13. März 2013 hat die Bundesregierung über die “Vertrauliche Geburt” entschieden. In Übereinstimmung mit einem Votum des Deutschen Ethikrates ist es das erklärte Ziel, die Abgabe von Neugeborenen in Babyklappen überflüssig zu machen. Dazu soll (ausnahmsweise) die “Anonyme Geburt” gesetzlich erlaubt werden.

– Am 6. Juni 2013 hat der Bundestag (und am 5. Juli der Bundesrat) einstimmig das “Gesetz zum Ausbau der Hilfen für Schwangere und zur Regelung der vertraulichen Geburt” beschlossen.

 

April 2015

„Ruf uns an, damit dein Baby leben kann“

Juli 2012

 

Dezember 2010

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