STAMMZELLENGESETZ

Oder: Die ethische Wanderdüne

– nachlaufende/rollende Stichtagsregelung als neue Zauberformel

„Der Embryo entwickelt sich als Mensch” (BVerfG)

Was eine Wanderdüne in der Natur ist, weiß man. Aber gibt es auch ethische Wanderdünen? Die nachlaufende/rollende Stichtagsregelung könnte so eine ethische Wanderdüne sein.

Nachdenklichen Politikern, insbesondere bei den Grünen, war immer aufgefallen, daß mit dem Embryonenschutz- und dem Stammzellengesetz das wachsende Leben im Reagenzglas besser geschützt ist als das Kind im Mutterleib. Der Mutterschoß als gefährliche Falle für das heranwachsende Leben? Eine erschreckende Vorstellung. Die Hoffnung, als logische ja notwendige Ergänzung des Embryonenschutzes auch den Menschenschutz zu verbessern, hat allerdings getrogen. Über eine geplante Veränderung des Stammzellengesetzes wird jetzt der Embryonenschutz insgesamt aufgeweicht. (Vergl. auch die Entscheridung zur PID). Die europäische Entwicklung hat (nur) den Anstoß gegeben.

Im Juli 2006 hat das EU-Parlament die Finanzierung der embryonalen Stammzellenforschung genehmigt – entgegen der deutschen Rechtslage. Das deutsche Gesetz sieht eine Stichtagsregelung zum 1. Januar 2002 vor. Dieser Kompromiß sollte die Forschung ermöglichen, zugleich aber verhindern, daß Embryonen neu geschaffen werden, um dann – nach Verbrauch, d.h. Abtötung – zur Forschung genutzt werden zu können. Diese Regelung bleibt aus grundsätzlichen Erwägungen fragwürdig, weil damit der Verbrauch von Embryonen anscheinend legitimiert wird. Sie ist gegenüber dem Verzicht auf diese Forschung nur die „zweitbeste” Lösung. Nach der EU-Entscheidung war es aber nur noch eine Frage der Zeit, wer von interessierter Seite die deutsche Regelung (fester Stichtag) und die mögliche Strafbarkeit deutscher Forscher „als nicht mehr zumutbar” angreifen würde. Daß die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DGF) die von ihr propagierten Forschungsinteressen wieder ins Spiel bringen würde, war nicht anders zu erwarten; daß aber der EKD-Ratsvorsitzende Huber mit dem Hinweis auf eine mögliche (erste?) Verschiebung des Stichtags auf den 31. Dezember 2005 den Dammbruch einleiten würde, war so nicht zu erwarten und könnte das Ende der zwar fragwürdigen, aber dennoch „zweitbesten” festen Stichtagsregelung bedeuten.

Leider hat sich der Bundestag für die Verschiebung entschieden.

  • Das Bundespatentamt hat ein Patent zur Herstellung von Zellen aus dem Verbrauch menschlicher Embryonen für ungültig erklärt.
  • Im Oktober 2011 hat sich auch der EuGH gegen die Patentierbarkeit von biotechnischen Verfahren an menschlichen embryonalen Stammzellen ausgesprochen – wegen der damit notwendig verbundenen Verletzung der Menschenwürde (Verzweckung).
  • Erfolgversprechende Ansätze für neue Therapien kommen aus der Forschung über die Nutzung adulter Stammzellen mit ihrem geringeren Abstoßungsrisiko. Deutschland ist auf diesem Gebiet führend. – Nicht zu übersehen sind allerdings auch hier kritische Stimmen: vergl. “Ein unmoralisches Angebot”, Müller-Jung, FAZ 24/07/2013.
  • In den USA setzt man verstärkt auf die Forschung mit adulten Stammzellen; die Mehrheit der Bevölkerung lehnt die Nutzung embryonaler Stammzellen ab.

 

England / Feb. 2016: Der letzte Tabubruch. Die britische Aufsichtsbehörde HFEA hat die gentechnische Veränderung an Embryonen genehmigt; es handelt sich um verbrauchende Forschung, weil die so manipulierten Embryonen (Keimbahnen) nach wenigen Tagen vernichtet werden müssen.

 

Verfassen Sie einen Kommentar

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>