Bioethik

„DIGNITAS PERSONAE“, vom Dezember 2008, OR 19/12/2008

Die Entwicklungen auf dem Gebiet der Bioethik und der Genforschung verändern schnell, nachhaltig und auf bisher unvorstellbare Weise unser Leben. Die Geschwindigkeit der Veränderungen führt dazu, daß häufig genug die „Forschung schneller ist als die Bioethik-Diskussion“, d.h. die ethische Aufarbeitung „hinkt hinterher“, zumal z.T. neuartige Fragen auftauchen.

Folge: “Wir leben in einer Welt der Salami-Ethik” (Montgomery, FAS 26. 6. 2011)

Weitere Fragen/Themen:

  • „Reproduktionsmedizin“:

vergl. Prof. M. Spieker in ZfL 4/2008, S. 98 ff.

„Künstliche Befruchtung und Menschenwürde“

Es handelt sich um das wissenschaftliche Arbeitsgebiet in der medizinischen Forschung, welches sich schwerpunktmäßig mit methodischen Fragen der Befruchtung der Eizelle außerhalb des weiblichen Organismus befaßt.

Mit dieser neuen „technischen“ Möglichkeit – In-Vitro-Fertilisation (IVF), auch „extrakorporale Befruchtung“ genannt, mit anschließendem Embryotransfer – wurde die Tür zu weiteren Optionen/Fragen aufgestoßen: u.a. Designer-Baby, Klonen, PID, aber auch Ersatz-/Leihmutterschaft, verbrauchende Forschung etc. (vergl. die entsprechenden Stichworte).

Es gibt erhebliche ethische Einwände gegen diesen Wissenschaftsbereich: Die Inanspruchnahme der sog. assistierten Reproduktion birgt die Gefahr in sich, daß Eltern zu biologischen Produzenten und Kinder zu Produkten eines seriellen Herstellungsverfahrens reduziert werden. Man spricht von „Reproduktionsrate“. In England müssen die Reproduktionskliniken sich den Regeln der „Good Manufacturing Practice“ (d.h. den anerkannten Herstellungsregeln für Produkte) unterwerfen. Folgerichtig ist, daß es schon Fälle von „Produkthaftung“ gibt: Kind als Schaden mit den entsprechenden Ersatzansprüchen (s.o.).

Grenze: Die Entwicklung hin zu „Babyfabriken“ scheint unkontrollierbar zu werden.

Ungewollte Folgen: „menschliche Ersatzteillager“ „Kannibalismus“

EGMR November 2011: Das österreichische Verbot der Nutzung von Samen- und Eizellspenden von Drittpersonen bei der IVF verstößt nicht gegen die Menschenrechtskonvention (Ziel: Identität der Mutter muss feststellbar sein). Und: Die Kompetenz zur Regelung des Zugangs zur Reproduktionsmedizin liegt (noch?) bei den einzelnen Mitgliedsländern. Es gibt keinen europäischen Konsens; wenn es ihn gäbe, würde er die Grundsatzeintscheidungen der Länder einschränken.

Frage: Gibt es ein Recht auf „Nicht-Existenz/Nicht-Geburt“ für möglicherweise behinderte Kinder? Diese (uns absurd erscheinende) Frage ist in Frankreich bereits gerichtlich entschieden worden – und zwar positiv.

Grundsätzliches:

„Die Unfruchtbarkeit ist keine Krankheit“ (BVerfG 03/09), d.h. die Kosten für die künstliche Befruchtung müssen von den gesetzlichen Kassen nicht zu 100% übernommen werden (s.u.). Und: Der Gesetzgeber hat die Kostenübernahme bewusst auf Ehepaare beschränkt: BVerfG 2007 unbedenklich.

  • Jedes neunte Neugeborene ist künstlich erzeugt. Dennoch: Nur 10% – 20% der Versuche „in vitro“ sind erfolgreich.
  • Die Belastung der Eltern (finanziell und emotional) ist sehr hoch
  • Die gesetzlichen Krankenkassen zahlen nur 50%; bei Frauen über 40 überhaupt nicht.
  • „in vitro“-gezeugte Kinder sind stärker krankheitsanfällig.
  • IVF wird zunehmend im Rahmen des „Family Balancing“ eingesetzt, d.h. Selektion der Kindermerkmale.
  • Der Keimzellenhandel wirft zunehmend Probleme auf.

Das erste IVF-gezeugte Kind – „Retorten-Baby“ – Louise Brown ist am 25. Juli 1978 in Oldham, UK, geboren worden. Im Jahr 2006 hat sie ihr erstes Kind Cameron (natürlich gezeugt) zur Welt gebracht.

In Deutschland – wo IVF seit 1981/82 angewandt wird – gibt es inzwischen 120 Kinderwunschzentren; bezogen auf 60.000 Kinderwunschbehandlungen im Jahr wird die Zahl der so gezeugten Kinder auf rd. 10.000 geschätzt. – Die Zahl der in Deutschland ungewollt kinderlos lebenden Paare wird mit 1,4 Mio. angegeben.

Weltweit wird die Zahl der IVF-gezeugten Kinder auf etwa 3 Mio. geschätzt.

Die Reproduktionsmedizin ist ein ernstzunehmender Wirtschaftszweig:

  • schon jetzt ist jedes siebte Paar betroffen
  • bis 2015 soll sich die Zahl dieser Paare verdoppeln
  • die Kosten der künstlichen Befruchtung liegen zwischen € 2.400 (Ungarn, Slowakei) und € 4.000 (UK, wo die Versicherungen einen Teil ersetzen).
  • In Südafrika und der Karibik bieten Kliniken schon „all-inclusive Pakete“ an.

Um die Reproduktionsmedizin in der Öffentlichkeit in ein besseres Licht zu rücken, haben drei bekannte Pharmaunternehmen (Ferring, Organon und Serono(-Merck) eine Initiative gestartet, wonach pro geborenem IVF-Baby € 25,– an einen Kinderhilfe-Verein gespendet werden sollen (Juli 2008).

Wer (wenn überhaupt) sollte Zugang zu IVF haben? Kinderlose Ehepaare. In Österreich hat die Mehrheit der Bioethikkommission sich für den Zugang auch für alleinstehende Frauen und lesbische Paare ausgesprochen. Wegen der Problematik der Leihmütter hat man sich zu homosexuellen Paaren (noch) nicht geäußert.

„Designer – Baby“:

Dieses Kind ist als Embryo wegen seiner speziellen genetischen Eigenschaften ausgesucht worden, um später als Stammzellenspender z.B. für seinen lebensbedrohlich erkrankten Bruder zu dienen. Diese Kinder (rettende Geschwister) heißen übrigens „saviour siblings“.

Die Lordrichter im UK haben einstimmig entschieden, daß die künstliche Zeugung von Babys zum Zwecke der Heilung eines Geschwisterkindes von der Aufsichtsbehörde genehmigt und seitens des Staates mitfinanziert wird (2005).

Im Februar 2006 hat das spanische Abgeordnetenhaus in bestimmten Fällen die Auswahl von Embryonen zur Erzeugung von Kindern erlaubt, wenn diese als Zellspender für schwer erkrankte Geschwister in Betracht kommen können. Etwa 150 Familien sollen auf diese „Heilungsmöglichkeit“ warten.

“Sex Selection”:

In Europa ist die Auswahl von Kindern nach ihrem Geschlecht verboten – nicht so in Israel und den USA. In die USA hat sich daher ein PID-Tourismus entwickelt, mit 60% der Kunden aus dem Ausland.

Frage: Wie lange wird es dauern, bis auch bei uns der technologischen Machbarkeit die gesellschaftliche Aktzeptanz folgt? Vergl. die Geschichte der IVF.

November 2012

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