Organtransplantation

 

Schottische Bischofskonferenz (September 2014): Die katholische Kirche ist ein “begeisterter Befürworter der Organspende”.

“Es handelt sich um ein “supererogatorisches” Verhältnis. Dieses liegt vor, wenn jemand Gutes tut, das auch getan werden soll, das aber gerade von ihm persönlich niemand zu verlangen berechtigt ist”. Die DBK wertet die Organspende als freiwilligen “Akt der Nächstenliebe”. Die Spende ist eine Gabe und darf daher nicht in die Nähe einer Bürgerpflicht gerückt werden (Maio, HK 06/2012, S. 304).

Juli 2015: Handreichung der DBK zur “Organspende”:

Es gibt keine moralische Pflicht zur Organspende

– Sie ist “ein großherziger Akt der Nächstenliebe”

– Es gibt gute Gründe an der Hirntoddiagnose festzuhalten

– Empfehlenswert ist die “enge Zustimmungslösung”, d.h. Organ-Entnahme nur bei ausdrücklicher schriftlicher Zustimmung des potentiellen Spenders


Neufassung deutsches Transplantationgesetz 2012:

Am 25. Mai 2012 hat der Bundestag basierend auf einem fraktionsübergreifenden Vorschlag die teilweise Neufassung des Transplantationsgesetzes beschlossen. Darin wird festgelegt, dass beginnend am 1. November 2012 von den Krankenkassen die grundsätzliche Bereitschaft zur Organspende “regelmäßig und mit einer höheren Verbindlichkeit” nachgefragt wird. Die Basis für die gewählte Befragung ist die – auch von der katholischen Kirche akzeptierte – Einwilligungslösung (im Gegensatz zur Zustimmungslösung). Die Beantwortung der Fragen erfolgt freiwillig.

Es muss darauf geachtet werden, dass wegen der gesellschaftlich erwünschten Erhöhung der dokumentierten Spenderzahlen (das ist ein erklärtes Ziel der Neufassung des Gesetzes) keine Rechtspflicht zur “Spende” postuliert/statuiert wird. Das jeder Person zustehende Selbstbestimmungsrecht muss gewahrt bleiben – einschließlich des Rechts zur Nicht-Entscheidung. Frage: Entsteht im letzten Fall eine Entscheidungslücke – die evtl. von Verwandten ausgefüllt werden müßte/dürfte?

Während die Mehrheit der Bevölkerung (aber s.u.) grundsätzlich zu einer Organspende nach ihrem Tod bereit ist. haben nur 17% der potentiellen Spender einen entsprechenden Ausweis. – Es gibt warnende Stimmen, die auf die deutliche Zurückhaltung der Angehörigen hinweisen.

Die Nachfrage nach Organen wächst, das Angebot stagniert; eine Folge dieser Diskrepanz ist ein weltweit operierender illegaler Markt – verharmlosend als “Transplantationstourismus” bezeichnet -, über den genaue, belastbare Zahlen nicht vorliegen. Eine weitere inakzeptable Folge ist, dass sich “kriminelle Energie zu lohnen scheint”. Nach jetzt (Januar 2013) vorliegenden Erkenntnissen ist in mehreren UniKliniken (Göttingen, München, Leipzig und Regensburg) durch gefälschte Labordaten bei Patienten die Dringlichkeit der Transplantation erhöht worden. Der durch diese Manipulationen verursachte Vertrauensschaden geht weit über die konkreten Fälle hinaus – er hat zu einem Absinken der Spendebereitschaft geführt*. Die Diskrepanz zwischen der Nachfrage und dem Angebot bei Organen vergrößert sich damit weiter. – August 2014: Verdacht gegen das Deutsche Herzzentrum in Berlin. Aufgrund einer Selbstanzeige wird untersucht, ob auch bei der Vergabe von Herzen in den Jahren 2010 bis 2012 manipuliert worden ist.

Einige Zahlen und Daten (basierend auf Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation/DSO):

  • Im Jahr 2010 sind in Deutschland 1.296 hirntoten Menschen (+ 79 ggü. Vorjahr) Organe entnommen worden; in 2011: 1.200 Spender für 3.917 Organe und in 2012 nur noch 1.046 Spender für 3.508 Organe. Im Jahr 2013 sank die Zahl der Spender deutlich weiter auf 876; in 2014 auf nur noch 864. Das war ein neuer Tiefstand seit der Verabschiedung des Transplantationsgesetzes in 1997. Im abgelaufenen Jahr 2015 hat sich der Trend leicht gedreht: Die Zahl der Spender lag bei 877 (+ 1,5 Prozent).
  • 10.585 Patienten hoffen auf ein Organ; jährlich sterben 1.000 schwerstkranke Menschen mangels passendem Spenderorgan.
  • Wie kann man deren Lage verbessern? Möglichkeiten und Grenzen: Die vorsichtige Ausweitung der Lebendspenden – mit entsprechender gesundheitlicher Versorgung der Spender (vergl. Modell Schweiz); im Jahr 2010 sind 665 Nierentransplantationen (22% aller Fälle) so durchgeführt worden.
  • Könnte das “Vorsorgeprinzip” helfen? – d.h. “Ich spende postmortal in 1. Linie an Personen, die selber zu einer Spende bereit sind”
  • Es bleiben viele Fragen: Wenn man die Widerspruchsregelung (d.h. eine Organentnahme ist immer möglich, wenn nicht ausdrücklich widersprochen worden ist) ablehnt, gilt die Erklärungslösung (schriftlich oder mündlich). Auch der sicher feststellbare mutmaßliche Wille kann ausreichen.
  • Eine restriktive Patientenverfügung und die Zustimmung zur Organspende könnten sich (aus Zeitgründen) ausschließen.
  • Wie viel Zeit muß zwischen dem Verzicht auf den Einsatz weiterer lebensverlängernder Maßnahmen und der Entscheidung über eine Organspende liegen? Wann darf mit organerhaltenden (organprotektiven) Maßnahmen begonnen werden? Was gilt, wenn die einzige Indikation für lebenserhaltende Maßnahmen die Rücksicht auf die Möglichkeit der späteren Organspende ist?

In Deutschland ist die Organentnahme ohne (Voll-)Narkose gestattet; in der Schweiz dagegen ist sie vorgeschrieben. Der Grund ist, dass beim Aufschneiden der Haut Reflexe aus noch aktiven tieferstehenden Reflexzentren auftreten können.

Wichtige Fragen:

(1) Organverteilung:

Sind die Kriterien zur Verteilung der vorhandenen Organe klar/akzeptabel? Wie steht es mit der Transparenz und Überwachung? Wer/was entscheidet, wenn sich die Kriterien – Dringlichkeit und Erfolgsaussicht – widersprechen? Je weiter fortgeschritten der Krankheitsverlauf, um so geringer die Erfolgsaussichten? Je älter die Spender (wie bei uns), um so geringer die Erfolgschancen? Im Oktober 2014 kam es zu einem tragischen Fall bei einem zweijährigen in der Türkei geborenen Jungen mit einem angeborenen Herzfehler. Nach einer weiteren Schädigung infolge eines Herzstillstands – gewertet als zusätzliches (Operations-)risiko – weigerte sich die UniKlinik Gießen, ihn auf die Liste für ein Herztransplant zu setzen. Diese Entscheidung ist inzwischen gerichtlich bestätigt worden.

– Die Organvermittlung erfolgt über die in Leiden, NL, ansässige Eurotransplant.

– In Deutschland ist zum 1. Mal ein Gericht (VG München) angerufen worden, um Fragen im Zusammenhang mit der Organverteilung zu überprüfen (FAZ  26/06/2014). Zwar war die Klage zulässig, aber zu einer Entscheidung in der Sache ist es leider nicht gekommen.

(2) Bestimmung des Todeszeitpunktes:

Ein Kernproblem aller Organtransplantationen liegt in der Antwort auf die Frage: Wie bestimmt man sicher den genauen Zeitpunkt des Todes? Die katholische Kirche hat in dieser Frage immer auf die Wissenschaft verwiesen – allerdings den ethischen Hintergrund nicht ausgeblendet. Das Kriterium des Hirntodes wird seit 1968 in der Nachfolge des Herztodes akzeptiert. Allerdings wird auch dieses Kriterium mehr und mehr in Frage gestellt. Die Gründe sind u.a., dass viele komplexe Funktionen des Lebens auch ohne intaktes Gehirn aufrechterhalten werden können (Maio, s.o. S. 305) und dass der Ausfall des Gehirns teilweise rückgängig (ersetzt) werden kann. Dann liegt aber das geforderte Kriterium des “Ganzhirntodes” noch nicht vor. Daher: Gefragt ist eine maximale Anforderung und nicht ein minimaler Konsens (Reiter). Der Deutsche Ethikrat hat in 02/2015  bestätigt, dass er am Kriterium des Hirntodes als Bedingung für die Organentnahme festhält. – Zwei Ärzte müssen den Hirntod bestätigen, bevor eine Transplantation möglich ist. Die Bundesärztekammer hat (im April 2015) präzisiert, dass mindestens ein Neurologe bzw. Neurochirurg sein muss.

Vergl. aber: Gian Domenico Borasio “Über das Sterben”, S. 21: “Das Konzept des Hirntodes dient dem einzigen Zweck, die Organentnahme bei Transplantationen zu ermöglichen”, Axel W. Bauer, FAS 28/10/2012, S. 15 und R. Beckmann “Der “Hirntod” – die unsicherste Diagnose der Welt”, ZfL 04/2011, S. 122ff.

 (3) Einsatz künstlicher Organe:

1969 wurde in den USA das erste künstliche Herz eingesetzt. Ein endgültiger Durchbruch beim Einsatz konnte aber bislang nicht erzielt werden. Mehr Chancen scheinen unterstützende Systeme (z.B. LVAD, Hilfspumpen) zu bieten – als Überbrückung bis zur Transplantation oder auch als Dauerlösung.

Nach einem Bericht (FAZ 15/05/13) soll die französische Firma Carmat in den Ländern Belgien, Polen, Slowenien und Saudi-Arabien die Genehmigung zur Einpflanzung ihres Kunstherzens erhalten haben. Diese Firma hat eine “intelligente Bioprothese” als permanentes Herz entwickelt; die Kosten pro Stück – der Markt wird auf über 100.000 Patienten geschätzt – betragen um €150.000. Die erste Transplantation ist im Dezember 2013 erfolgt; der Patient ist Anfang März 2014 verstorben. – Ein Patient, dem ein künstliches Herz im August 2014 eingepflanzt worden ist, konnte im Januar 2015 aus dem Krankenhaus entlassen werden.

(4) Hornhautspenden: Die Zahl steigt ….

Gespendete Hornhäute werden in sogenannten Hornhautbanken gesammelt, z.B. am UniKlinikum Mainz. Dort ist im Jahr 2013 die Zahl der Spenden um fast 20% auf 673 gestiegen. – In Deutschland warten etwa 8000 Patienten auf eine Hormhaut, p.a. liegt die Zahl der Eingriffe nur bei 4800. Hornhäute können bis zu 72 Stunden nach dem Tod des Spenders genutzt werden. Ein gleichwertiger Kunststoff-Ersatz ist bislang nicht entwickelt worden.

 

Vergl. auch die Videointerviews mit den Professoren Bechstein und Schuster SJ “Der Tod hat viele Gesichter” unter “Leben vor dem Lebensende”

 

Januar 2016

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