“Die Pille danach…”

Ein ermutigendes Zeichen einer den Menschen zugewandten Theologie – Und: Die Eigentorheit mancher Lebensschützer

Nach Medienberichten haben im Dezember 2012 zwei katholische Krankenhäuser in Köln einer vergewaltigten Frau die erbetene ärztliche Hilfe, incl. der „Pille danach“, verweigert.

Der Kölner Kardinal Meisner hat sich öffentlich für das Verhalten der Kliniken entschuldigt und, zunächst nur für sich, wenige Tage später auch mit Zustimmung der Deutschen Bischofskonferenz, die Nutzung der „Pille danach“ gestattet – für den Fall einer Vergewaltigung und nur zum Zwecke der Verhinderung der Befruchtung*. Diese Haltung beinhaltet keine Kehrtwende in der katholischen Sexualmoral. Die geforderte grundsätzliche Offenheit für das Kind gilt nicht für eine gewaltsame, zwangsweise Vereinigung.

Frauen, die Opfer einer Vergewaltigung geworden sind, bedürfen schnellstmöglichst der solidarischen, umfassenden Hilfe. Dass der Gedanke, aus dieser gewaltsamen Verbindung könne ein Kind entstehen, für diese Frauen zutiefst erschreckend ist, ist nur zu verständlich. Mit seiner differenzierenden Auffassung zu der selektiven Akzeptanz der „Pille danach“ zeigt der Kardinal einen auch mit katholischen Moralvorstellungen zu vereinbarenden Weg auf.

So kann die Kirche den Menschen in ihrer Not tatkräftig beistehen. Dieses Zeichen der barmherzigen, den Menschen zugewandten Theologie kann helfen, zumindest einen Teil der – insbesondere durch die frühere Behandlung der Missbrauchsfälle – verloren gegangenen Glaubwürdigkeit zurück zu gewinnen.

Bei diesem medial aufgeheizten Vorgang ist noch ein weiterer Aspekt bemerkenswert: Leider liefern einige „Lebensschützer“ ihren Gegnern (ungewollt) Schützenhilfe – und zwar durch ihre oft genug undifferenzierte, das Wohl der Menschen anscheinend missachtende Argumentation. Kardinal Meisner verdient Dank für seine mutige Haltung, nicht die zum Teil verächtlichen Kommentare auch aus Reihen derer, die wie er dem Schutz des Lebens dienen wollen (jwb/04/2013).

*”Es ist nach vorliegender Evidenz durchaus möglich, das eine oder zwei verschiedene Arzneimittel existieren, die ausschließlich eine schwangerschaftsverhütende, nicht aber eine frühabtreibende Wirkung zeigen”. (Dr. A. Reimann, ZfL 1/2013, S. 14).

Umstritten war, ob die “Pille danach” wie bisher mit oder in Zukunft ohne Rezept erhältlich sein sollte. Aus Gründen der ärztlichen Sorgfaltspflicht plädiert die CDU (Min. Gröhe) für die Beibehaltung der Rezeptpflicht: Die verwandten Wirkstoffe können starke Nebenwirkungen (Schlaganfall- und Thromboserisiko) haben. Daher bedarf es weiterhin der ärztlichen (Sexual-)Aufklärung. Diese Pille ist 2013 463.000 mal verschrieben worden, d.h. die Gefahr des nicht rechtzeitigen Zugangs ist kein belastbares Gegenargument. 

Januar 2015: Die EU-Kommission hat mit dem Medikament “EllaOne” den Kauf dieser Pille-danach ohne Rezept freigegeben. –  Am 6. März 2015 hat der Bundesrat die Rezeptpflicht aufgehoben; verboten bleibt allerdings der Versandhandel (wg. rascher Verfügbarkeit?)

Absehbare Folge: “Pro Familia” plädiert für ein Notfallpäckchen – sozusagen als Teil des propagierten Lifestyles.

März 2015

 

 

 

1 Kommentar zu “Die Pille danach…”

  • J. Beckermann

    Für eine dem Menschen zugewandte Theologie vergleiche den lesenswerten Text:

    “Um des Menschen willen”
    Lebbarkeit als Kriterium der Theologischen Ethik
    (K. Hilpert, HK 05/2013, S.251 ff.)

    Die theologische Ethik ist die “Kommunikation über das Lebbare” (Demmer). Sie hat den Auftrag, die Kluft zwischen der theoretischen Reflexion und der zu lebenden Realität des Moralischen zu erfassen und abzumildern – zugunsten des Menschen, “um des Menschen willen” (Lk 2,27). Ohne genaue Kenntnis und Rücksicht auf die konkreten Umstände ist eine zutreffende Bewertung der Handlung nicht möglich.

    “Das entscheidende Kriterium der Echtheit des Glaubens ist die gelebte und lebensdienliche Moral, nicht das Festhalten an einer lehrhaften Position über moralisches Verhalten” (S. 255).

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