KIRCHLICHE HILFSLEISTUNGEN – Kommunikation ohne „religiöse Rede“

Und: Unbestimmtheit bestimmt aushalten
Oder: Wie man die Bergpredigt auch mißverstehen kann

Bei einem Besuch in einem – von  katholischen Nonnen geleiteten – Hospiz hat die erfahrene Leiterin das Motto ihrer Hilfeleistungen überraschend und drastisch so beschrieben: „Wir werden die Todkranken nicht mit dem Kreuz erschlagen“. Man mag diese Haltung kritisieren, ihr sogar fehlenden „Bekennermut“ attestieren. Das wäre aber zu kurz gegriffen. Ein Religionssoziologe schreibt: „Die Kirchen haben eine große (und man möchte hinzufügen: erfolgreiche) Tradition, eine strategische Form der Kommunikation zu benutzen, die bisweilen auch auf die religiöse Rede verzichten kann oder sogar muß“ (A. Nassehi, HK 09/2009). Die erkennbar gelebte Grundhaltung, das religiöse Motiv muß „stimmen“.

Der bewußte Verzicht auf die – häufig genug als unverständlich (wenn nicht gar provozierend) empfundene – „religiöse Rede“ kann zudem in unserem gewollt plural geprägten gesellschaftlichen Umfeld der einzige Schlüssel sein, um die Betroffenen überhaupt für kirchliche Hilfsmaßnahmen zu öffnen. Sie müssen in ihrer Welt, ihrer Sprache „abgeholt“ werden. Anschließend kann das notwendige Vertrauensverhältnis vorsichtig aufgebaut werden.

In einer Sonntagspredigt hat kürzlich der Pfarrer davor gewarnt, den Armen, den Behinderten, den Kranken sowie den sonst Zu-Kurz-Gekommenen quasi „mit der Bergpredigt auf die Schulter zu klopfen“. „Selig sind die …“ Das könne leicht als ein „billiges“ Vertrösten auf eine ungewisse Zukunft, vielleicht sogar auf die Ewigkeit (miß-)verstanden werden – und gleichzeitig die hilfswilligen Betreuer von den geforderten Anstrengungen der Gegenwart ablenken. Die Aufgabe der Christen sei es demgegenüber, beim konkreten Umgang mit den Betroffenen schon hier und jetzt eine Idee von der versprochenen Zukunft aufscheinen zu lassen.

November 2009

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