SPRACHSPIELE

Oder: Wie die Sprache eingesetzt wird, um die Wirklichkeit bewußt zu verschleiern bzw. sogar zu verändern

Unsere Sprache ermöglicht einige erhellende Wortkombinationen: „Ihr Tod hat sie unsterblich gemacht” und „Gott sei Dank, bin ich Atheist” oder zum Beweis des Glaubens an eine Wiedergeburt: „Er hat sich selbst zum Erben eingesetzt”.

Daneben gibt es auch Fälle eines ungewollten, meist harmlosen und nichtssagenden Sprachbildersalates: „Wir sind eine Freizeitgesellschaft und verletzen unser Pflichtenheft dramatisch; das müssen wir umdrehen” – mit diesem verqueren Satz wollte ein Politiker seine Zuhörer zu neuen Aktivitäten ermuntern. Ob die ihn wohl verstanden haben?

Oft verraten Satzungetüme lediglich den Mangel an gedanklicher Vorarbeit.

Kritisch wird erst der bewußte Einsatz der Sprache bei dem – manchmal leider erfolgreichen – Versuch, die Wirklichkeit entweder zu verschönern, zu verschleiern oder sogar zu verändern. Ein deutsches Gericht mahnte dazu, das Wort „Abtreibung” als zu „laienhaft, emotional-besetzt” nicht mehr zu benutzen. Man sollte besser von „Schwangerschaftsabbruch” sprechen; vielleicht immer noch besser als „Schwangerschaftsunterbrechung” – als ob man anschließend, wie beim Stabhochsprung, noch einen weiteren Versuch machen könnte.

Nicht jeder, der von der Hilfe für Mutter und Kind spricht, meint auch beide. Kann die Tötung des Kindes gedacht als Hilfe für die Mutter auch Hilfe für das Kind sein?

Um das Wort Tötung nicht benutzen zu müssen, hat man in den Niederlanden jetzt sogar den Begriff der „Abtreibung nach der Geburt” erfunden – eine bewußt schiefe, verharmlosende Ausdrucksweise. Gemeint ist die Tötung Neugeborener.

Auch die aktive (Hilfe zur) Tötung am Lebensende wird mit den verschiedensten Ausdrücken vernebelt: Autonomie auch am Lebensende – wer könnte etwas dagegen haben? Sterbehilfe – wer könnte grundsätzlich etwas gegen Hilfe einwenden? Selbstbestimmung bis zum Ende. Wie bei der Abtreibung geht es eher um Fremdbestimmung. Letzte Hilfe. Dignitas.

Welches Menschenbild liegt dem zugrunde? Zukunftssichernd ist es nicht.

Sprache kann so verräterisch sein.

April 2005

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